ADHS bei Erwachsenen:
Symptome, Diagnose & moderne Behandlung
Auf einen Blick
HäufigkeitEine der häufigsten psychischen Erkrankungen im Erwachsenenalter — Schätzungen gehen von mehreren Millionen Betroffenen in Deutschland aus
KernsymptomeUnaufmerksamkeit, Impulsivität, innere Unruhe (statt äußerer Hyperaktivität wie bei Kindern)
DiagnoseKlinische Diagnose durch Fachperson (Psychiatrie, Psychotherapie) — kein einzelner Test beweist oder schließt ADHS aus
TherapiePsychoedukation, Psychotherapie (vor allem KVT), Medikamente (Methylphenidat, Lisdexamfetamin, Atomoxetin)
BeginnSymptome in der Kindheit — Diagnose oft erst Jahrzehnte später
ICD-10F90 (Hyperkinetische Störungen), F98.8 (Aufmerksamkeitsstörung ohne Hyperaktivität)
1. Was ist ADHS?
ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) ist eine neurobiologische Entwicklungsstörung, die in der Kindheit beginnt und bei einem relevanten Anteil der Betroffenen bis ins Erwachsenenalter fortbesteht. Lange galt ADHS als reine Kinderkrankheit — heute ist anerkannt, dass die Störung häufig nicht herauswächst, sondern sich in ihrer Erscheinungsform verändert.¹
ADHS bei Erwachsenen wird häufig erst spät diagnostiziert — manchmal erst nach Jahrzehnten mit beruflichen Schwierigkeiten, Beziehungsproblemen, innerer Unruhe oder dem Gefühl, das eigene Potenzial nicht auszuschöpfen. Die Diagnose kann für viele Betroffene eine Erleichterung sein, weil sie langjährige Schwierigkeiten erstmals erklärt.¹˒²
ADHS kommt selten allein
ADHS tritt häufig zusammen mit anderen psychischen Erkrankungen auf — insbesondere mit
Depression, Angststörungen, Suchterkrankungen und
Schlafstörungen. Diese Begleiterkrankungen müssen in der Regel mitbehandelt werden.
2. Symptome bei Erwachsenen
Die Kernsymptome — Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität — zeigen sich im Erwachsenenalter häufig anders als bei Kindern.¹
Unaufmerksamkeit
- Schwierigkeiten, sich längere Zeit auf eine Aufgabe zu konzentrieren — besonders bei Routine oder als langweilig empfundenen Tätigkeiten
- Leichte Ablenkbarkeit — Gedanken springen, Gesprächsfaden geht verloren
- Schwierigkeiten mit Organisation und Zeitmanagement — Termine vergessen, Aufgaben aufschieben (Prokrastination), Chaos im Alltag
- Häufiges Verlieren oder Verlegen von Gegenständen
- Hyperfokus — paradoxerweise können Betroffene bei Tätigkeiten, die sie stark interessieren, stundenlang hochkonzentriert arbeiten
Hyperaktivität und Impulsivität
- Innere Unruhe — das äußere Zappeln der Kindheit wird im Erwachsenenalter häufig zur inneren Getriebenheit
- Schwierigkeiten, still zu sitzen oder zu entspannen
- Übermäßiges Reden, andere unterbrechen
- Impulsive Entscheidungen — Käufe, Jobwechsel, Beziehungen
- Emotionale Impulsivität — schnelles Aufbrausen, Stimmungsschwankungen, geringe Frustrationstoleranz
Emotionale Dysregulation
Stimmungsschwankungen, schnelle Frustrierbarkeit und eine erhöhte emotionale Reaktivität sind bei Erwachsenen mit ADHS häufig. Sie gehören zwar nicht zu den offiziellen Diagnosekriterien, sind aber für viele Betroffene das belastendste Symptom.¹
ADHS bei Frauen — oft übersehen
Bei Frauen wird ADHS deutlich seltener und später diagnostiziert. Die Symptome sind häufig weniger auffällig — weniger äußere Hyperaktivität, dafür mehr Unaufmerksamkeit, innere Unruhe und emotionale Belastung. Viele Frauen erhalten die Diagnose erst im Erwachsenenalter.¹
3. Ursachen
ADHS ist nach aktuellem Wissensstand eine überwiegend genetisch bedingte neurobiologische Störung.¹
- Genetik: ADHS hat eine der höchsten Erblichkeiten unter den psychischen Erkrankungen. Verwandte ersten Grades haben ein deutlich erhöhtes Risiko. Mehrere Gene sind beteiligt — ADHS wird nicht durch ein einzelnes Gen verursacht.
- Neurobiologie: Bei ADHS sind in der Regel die Neurotransmitter Dopamin und Noradrenalin in bestimmten Hirnregionen (vor allem präfrontaler Kortex, Basalganglien) verändert verfügbar. Das erklärt, warum Stimulanzien (die Dopamin und Noradrenalin erhöhen) bei ADHS wirksam sind.
- Was ADHS nicht verursacht: ADHS wird nicht durch Erziehung, Bildschirmzeit oder Zucker ausgelöst. Ungünstige Umgebungsbedingungen können die Symptome aber verstärken.
4. Diagnose: Wer stellt sie?
Die Diagnose einer ADHS im Erwachsenenalter ist eine klinische Diagnose — es gibt keinen einzelnen Test, der ADHS beweisen oder ausschließen kann. Die Abklärung sollte in der Regel durch eine Fachperson erfolgen (Fachärztin/Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Neurologie oder spezialisierte Psychotherapie).¹
Was zur Diagnostik gehört
- Ausführliche Anamnese: Die Symptome müssen bereits in der Kindheit begonnen haben (auch wenn die Diagnose erst jetzt gestellt wird). Schulzeugnisse, Berichte von Eltern oder Partnerinnen und Partnern können hilfreich sein.
- Standardisierte Fragebögen: Zum Beispiel ASRS (Adult ADHD Self-Report Scale) oder WURS-k (Wender Utah Rating Scale, Kurzform). Sie unterstützen die Diagnostik, ersetzen aber nicht das klinische Gespräch.
- Ausschluss anderer Ursachen: Depression, Angststörungen, Schilddrüsenerkrankungen, Schlafstörungen, Suchterkrankungen und andere psychische Störungen können ähnliche Symptome verursachen und müssen abgegrenzt werden.
- Körperliche Untersuchung: Labor (Schilddrüse, Blutbild) und gegebenenfalls EKG (vor Stimulanzien-Therapie) gehören in der Regel zur Basisdiagnostik.
Mehr: Arzttermin vorbereiten.
Wartezeiten — was du tun kannst
Die Wartezeiten für eine ADHS-Diagnostik im Erwachsenenalter sind in Deutschland häufig lang (teilweise mehrere Monate). Es kann hilfreich sein, sich parallel bei mehreren Anlaufstellen anzumelden — Psychiatrie, ADHS-Spezialambulanz an Universitätskliniken, spezialisierte Praxen.