Angststörung:
Symptome, Formen und moderne Behandlung
Auf einen Blick
HäufigkeitEine der häufigsten psychischen Erkrankungen — viele Erwachsene sind im Laufe ihres Lebens betroffen
FormenGeneralisierte Angststörung, Panikstörung, Soziale Angststörung, Spezifische Phobien, Agoraphobie
BehandelbarSehr gut behandelbar — Psychotherapie und/oder Medikamente verbessern bei den meisten Betroffenen die Symptome deutlich
Therapie der WahlKognitive Verhaltenstherapie (KVT) mit Exposition — die am besten untersuchte Therapieform
MedikamenteSSRI / SNRI als Erstlinie; Pregabalin bei generalisierter Angst; Benzodiazepine nur kurzfristig
ICD-10F40 (Phobische Störungen), F41 (Andere Angststörungen)
1. Was ist eine Angststörung?
Angst ist ein normales und überlebenswichtiges Gefühl. Sie warnt vor Gefahr und macht den Körper bereit für Kampf oder Flucht. Von einer Angststörung spricht man erst, wenn die Angst unangemessen stark, häufig oder langanhaltend auftritt, keinen realen Anlass hat und den Alltag erheblich beeinträchtigt.¹
Angststörungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen überhaupt. Trotzdem suchen viele Betroffene erst nach Jahren Hilfe — aus Scham, weil sie die Symptome nicht einordnen können oder weil sie glauben, die Angst einfach aushalten zu müssen.¹˒²
Die gute Nachricht: Angststörungen sind gut behandelbar
Psychotherapie — vor allem die Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) mit Exposition — ist hochwirksam und wird von der Leitlinie als Erstlinientherapie empfohlen. Bei vielen Betroffenen können die Symptome deutlich gebessert oder vollständig überwunden werden.¹
Generalisierte Angststörung (GAD)
Anhaltendes, übertriebenes Sich-Sorgen über verschiedene Lebensbereiche (Gesundheit, Arbeit, Familie, Finanzen) — an den meisten Tagen über mindestens sechs Monate. Die Sorgen lassen sich nicht kontrollieren. Häufig begleitet von Muskelverspannungen, Unruhe, Schlafstörungen und Reizbarkeit.
Panikstörung
Wiederkehrende, unerwartete
Panikattacken — plötzliche Anfälle intensiver Angst mit körperlichen Symptomen (
Herzrasen, Atemnot, Schwitzen, Schwindel, Todesangst). Zwischen den Attacken häufig die Angst vor der nächsten Attacke (Erwartungsangst).
Agoraphobie
Angst vor Situationen, aus denen eine Flucht schwierig wäre oder in denen keine Hilfe verfügbar wäre — öffentliche Plätze, Menschenmengen, öffentliche Verkehrsmittel, Kaufhäuser. Kann mit oder ohne Panikstörung auftreten und führt häufig zu Vermeidungsverhalten.
Soziale Angststörung (Soziale Phobie)
Ausgeprägte Angst vor sozialen Situationen, in denen man beobachtet, bewertet oder blamiert werden könnte — z. B. öffentliches Sprechen, Essen vor anderen, Gespräche mit Fremden. Geht über normale Schüchternheit hinaus.
Spezifische Phobien
Intensive, unangemessene Angst vor bestimmten Objekten oder Situationen — z. B. Höhe, Fliegen, Spinnen, Spritzen, Blut, enge Räume. Führt in der Regel zu Vermeidung.
3. Symptome
Psychische Symptome
- Intensive, unangemessene Angst oder Sorgen
- Gefühl der Bedrohung ohne realen Anlass
- Vermeidungsverhalten — angstauslösende Situationen werden gemieden, was die Angst langfristig verstärkt
- Konzentrationsschwierigkeiten
- Reizbarkeit, innere Unruhe
- Katastrophendenken — das Schlimmste wird erwartet
Körperliche Symptome
Häufig erst Hausarzt, Kardiologie oder Notaufnahme
Viele Betroffene suchen wegen der körperlichen Symptome zunächst die Hausarztpraxis, die Kardiologie oder die Notaufnahme auf — ohne zu wissen, dass eine Angststörung die Ursache ist. Ein offenes Gespräch über mögliche psychische Auslöser kann den Weg zur richtigen Therapie verkürzen.
4. Ursachen
Angststörungen entstehen in der Regel durch ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren.¹
- Genetik: Familiäre Veranlagung spielt eine Rolle — Angststörungen treten in Familien häufiger auf.
- Neurobiologie: Veränderungen in der Balance von Neurotransmittern (vor allem Serotonin, Noradrenalin, GABA) und in Hirnregionen, die Angst verarbeiten (Amygdala, präfrontaler Kortex).
- Lerngeschichte: Negative Erfahrungen, traumatische Erlebnisse, erlerntes Vermeidungsverhalten, überbehütende Erziehung.
- Stress: Chronischer Stress, belastende Lebensereignisse, Übergangsphasen (Jobwechsel, Trennung, Verlust).
- Komorbiditäten: Angststörungen treten häufig zusammen mit Depression, ADHS, Suchterkrankungen oder körperlichen Erkrankungen auf.
5. Diagnose
- Klinisches Gespräch: Die Basis der Diagnose. Erfassung der Symptome, der Dauer, der Beeinträchtigung und des Vermeidungsverhaltens.
- Standardisierte Fragebögen: z. B. GAD-7 (Generalisierte Angst), PHQ-D (Angst und Depression) — helfen bei Screening und Schweregradeinschätzung.
- Körperliche Abklärung: Schilddrüsenüberfunktion, Herzrhythmusstörungen, Substanzmissbrauch und andere körperliche Ursachen müssen in der Regel ausgeschlossen werden.
- Abgrenzung: Angststörungen müssen von normaler Angst, Anpassungsstörungen, posttraumatischen Belastungsstörungen und anderen psychischen Erkrankungen abgegrenzt werden.
Mehr: Arzttermin vorbereiten.