Asthma bronchiale:
Symptome, Stufentherapie und Alltag
Auf einen Blick
Betroffene
Weltweit ~260 Mio.; in DE etwa 3–5 % der Erwachsenen und bis zu ~12 % der Kinder/Jugendlichen
Andere Namen
Asthma, Bronchialasthma
Ursache
Chronisch-entzündliche Atemwegserkrankung mit bronchialer Hyperreagibilität
Formen
Allergisches und nicht-allergisches Asthma (häufig Mischformen)
Medikamente (Auswahl)
ICS (z. B. Budesonid, Fluticason), LABA (z. B. Formoterol), SABA (z. B. Salbutamol), Biologika
ICD-10
J45
1. Was ist Asthma?
Asthma bronchiale ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung der Atemwege. Die Bronchien reagieren überempfindlich auf verschiedene Reize — es kommt in der Regel zu drei charakteristischen Veränderungen: Die Bronchialschleimhaut schwillt an (Entzündung), die Bronchialmuskulatur verkrampft sich (Bronchospasmus) und es wird zäher Schleim produziert. Das Ergebnis: Die Atemwege verengen sich, das Ausatmen fällt besonders schwer.¹
Asthma verläuft häufig anfallsartig — Phasen mit Beschwerden wechseln sich mit symptomfreien Intervallen ab. Die Symptomstärke kann sich im Laufe des Lebens verändern und schwankt oft saisonal (z. B. Pollenflug, Infektsaison).
Neues Therapieziel: Remission
Die Nationale VersorgungsLeitlinie Asthma (NVL 2024) geht über reine Symptomkontrolle hinaus — angestrebt wird eine Remission: möglichst vollständige Beschwerdefreiheit unter möglichst geringer Therapie. Mit modernen Medikamenten ist dieses Ziel für viele Betroffene realistisch.¹
Form 1
Allergisches Asthma (extrinsisch)
Ausgelöst durch Allergene (z. B. Pollen, Hausstaubmilben, Tierhaare, Schimmelpilze). Oft Beginn im Kindesalter. Häufig in Kombination mit Heuschnupfen und Neurodermitis (atopische Trias). Typischerweise Typ-2-Entzündung mit erhöhten IgE-Werten und eosinophilen Granulozyten. Im Kindesalter ist das allergische Asthma die häufigste Form.¹
Form 2
Nicht-allergisches Asthma (intrinsisch)
Keine allergische Komponente nachweisbar. Häufig Beginn im Erwachsenenalter. Typische Auslöser: Atemwegsinfekte (häufigster Trigger), kalte Luft, körperliche Anstrengung, Umweltschadstoffe. Oft schwerer zu behandeln.
Form 3
Mischformen & Sonderformen
Sehr häufig — viele Patienten haben sowohl allergische als auch nicht-allergische Komponenten.¹
- Analgetika-Asthma: Ausgelöst durch NSAR wie ASS oder Ibuprofen. Häufig kombiniert mit Nasenpolypen (Samter-Trias). Bei bekanntem Analgetika-Asthma kann Paracetamol eine Alternative sein.
- Belastungsasthma: Symptome vor allem bei körperlicher Anstrengung — besonders bei kalter, trockener Luft. Kein Grund, auf Sport zu verzichten.
3. Symptome — und wann es ein Notfall ist
Typische Asthma-Symptome
- Anfallsartige Kurzatmigkeit — besonders beim Ausatmen (exspiratorische Dyspnoe)
- Pfeifende Atemgeräusche (Giemen/Wheezing) — häufig hörbar bei forcierter Ausatmung
- Trockener, anfallsartiger Husten — oft nachts und in den frühen Morgenstunden. Bei manchen Patienten ist Husten das einzige Symptom („Cough-Variant-Asthma")
- Engegefühl in der Brust oder Brustschmerzen
- Vermehrte Schleimproduktion — häufig zäher, glasiger Auswurf
- Symptome verschlechtern sich oft bei Allergenkontakt, Infekten, körperlicher Anstrengung, kalter Luft oder Stress
Typisch für Asthma: Symptome kommen und gehen
Es gibt in der Regel gute und schlechte Tage oder Wochen. Saisonale Schwankungen sind bei allergischem Asthma häufig.
Akuter Asthmaanfall — Notfall!
- Schwere, zunehmende Atemnot — das Ausatmen ist stark verlängert
- Einsatz der Atemhilfsmuskulatur — Abstützen der Arme, sichtbares Einziehen der Haut zwischen den Rippen
- Betroffene Person kann keine längeren Sätze mehr sprechen
- Herzrasen, Angst, Unruhe
- Bläuliche Lippen oder Fingernägel (Zyanose) — Hinweis auf Sauerstoffmangel
- Kein hörbares Giemen mehr („stille Lunge") — paradoxerweise ein Warnzeichen für eine sehr starke Verengung
Was tun beim schweren Asthmaanfall?
1) Ruhe bewahren. 2) Aufrecht hinsetzen, Arme aufstützen (Kutschersitz). 3) Notfallspray nach ärztlichem Aktionsplan inhalieren. 4) Lippenbremse: langsam durch gespitzte Lippen ausatmen. 5) Bei ausbleibender Besserung, bei Zyanose oder „stiller Lunge" sofort 112 rufen.¹
4. Ursachen und Trigger
Warum entsteht Asthma?
- Genetische Veranlagung — Asthma, Heuschnupfen und Neurodermitis treten oft gehäuft in Familien auf¹
- Gestörte Immunregulation — Überreaktion des Immunsystems auf eigentlich harmlose Reize (häufig Th2-dominierte Entzündung)
- Umweltfaktoren — z. B. Luftverschmutzung, Tabakrauch (aktiv und passiv), Feinstaub⁴
- Frühkindliche Faktoren — z. B. schwere Atemwegsinfekte im Säuglingsalter (u. a. RSV)
- Übergewicht/Adipositas kann das Asthma-Risiko erhöhen und die Therapiekontrolle verschlechtern
Was löst Asthmaanfälle aus? (Trigger)
- Allergene: Pollen (saisonal), Hausstaubmilben (ganzjährig), Tierhaare, Schimmelpilzsporen
- Atemwegsinfekte — häufiger Trigger bei nicht-allergischem Asthma und bei Kindern
- Körperliche Anstrengung (Belastungsasthma) — besonders bei kalter, trockener Luft
- Kalte Luft, Nebel, plötzliche Wetterumschwünge
- Tabakrauch, Parfüm, Farben, Reinigungsmittel, andere Chemikalien
- Stress und psychische Belastung können Asthma-Episoden begünstigen
- NSAR-Schmerzmittel (z. B. ASS, Ibuprofen) bei Analgetika-Asthma
- Betablocker — können bei empfindlichen Patienten einen Bronchospasmus auslösen. Mehr: Wechselwirkungen von Medikamenten
5. Diagnose
- Anamnese: Typische Symptome (Husten, Atemnot, Giemen)? Wann, wie oft, welche Trigger? Familiäre Belastung? Begleitende Allergien?
- Lungenfunktionstest (Spirometrie): Misst Atemvolumen und -geschwindigkeit (FEV1, FVC). Zeigt die typische obstruktive Ventilationsstörung. Der Reversibilitätstest kann die Diagnose stützen.¹
- Peak-Flow-Messung: Einfache Selbstmessung zu Hause. Tagesvariabilität kann ein Hinweis auf Asthma sein. Nützlich für die Verlaufskontrolle und den Asthma-Aktionsplan (Ampelschema).
- FeNO-Messung: Stickstoffmonoxid in der Ausatemluft — häufig erhöht bei eosinophiler Typ-2-Entzündung. Kann bei der Therapieentscheidung helfen.¹
- Allergietests: Prick-Test, spezifisches IgE im Blut — bei Verdacht auf allergisches Asthma.
- Provokationstest: Z. B. mit Methacholin — bei unklarer Diagnose trotz unauffälligem Lungenfunktionstest.
- Differentialdiagnosen: COPD (besonders bei Rauchern), Vocal Cord Dysfunction, Herzinsuffizienz oder reflux-bedingter Husten sollten ausgeschlossen werden.
Mehr: Arzttermin vorbereiten.
6. Medikamente: Stufentherapie nach NVL 2024
Die Asthma-Therapie folgt in Deutschland einem 5-Stufen-Schema der Nationalen VersorgungsLeitlinie.¹ Grundprinzip: „So viel wie nötig, so wenig wie möglich." Bei guter Kontrolle kann die Therapie reduziert werden (Step-down), bei schlechter Kontrolle wird intensiviert (Step-up). Welche Stufe und welches Medikament zum Einsatz kommen, entscheidet immer der behandelnde Arzt.
Wichtige Änderung der NVL 2024: SABA-Monotherapie überholt
Die klassische SABA-Monotherapie (z. B. Salbutamol allein bei Bedarf) gilt heute als überholt. Empfohlen wird, dass bei jeder Bedarfsinhalation auch ein inhalatives Cortison (ICS) enthalten ist — entweder als Fixkombination oder parallel zum ICS-Controller.¹˒⁴
Bedarfsmedikamente (Reliever) — bei akuten Symptomen
Reliever 1
SABA (z. B. Salbutamol)
Kurzwirksamer Bronchialerweiterer — wirkt innerhalb weniger Minuten und wird traditionell als Notfallspray eingesetzt. Eine alleinige SABA-Therapie wird nach NVL 2024 nicht mehr empfohlen.¹
Reliever 2
ICS/Formoterol bei Bedarf (NVL 2024)
Fixkombination aus inhalativem Cortison (ICS) und schnellwirksamem Bronchialerweiterer (Formoterol) — bereits als Bedarfstherapie in den unteren Stufen möglich. Vorteil: Jede Bedarfsinhalation enthält automatisch eine entzündungshemmende Komponente. In Stufe 1–2 formal noch Off-Label, aber von NVL und GINA empfohlen.¹˒⁴
Dauertherapie (Controller) — tägliche Entzündungshemmung
Stufe 1–2
Leichtes Asthma
ICS (niedrig dosiert, z. B. Budesonid, Fluticason, Beclometason) als Spray oder Pulverinhalator sind meist die Basis. Sie können die chronische Atemwegsentzündung hemmen. Alternativ kann eine ICS/Formoterol-Fixkombination ausschließlich bedarfsorientiert eingesetzt werden — z. B. bei Patienten, die nur selten Symptome haben.¹
Stufe 3
Mittelschweres Asthma
- ICS + LABA (langwirksamer Bronchialerweiterer) als Fixkombination — z. B. Budesonid/Formoterol, Fluticason/Salmeterol, Fluticason/Vilanterol, Beclometason/Formoterol
- SMART/MART-Konzept: Budesonid/Formoterol als einziger Inhalator sowohl für die Dauertherapie als auch für die Bedarfstherapie. Kann Exazerbationen stärker reduzieren als die klassische Kombination.¹˒³˒⁴
- Alternative: ICS + LTRA (Montelukast als Tablette) — z. B. bei Belastungsasthma oder Analgetika-Asthma¹
Stufe 4
Schweres Asthma
- ICS (mittlere bis höhere Dosis) + LABA als Fixkombination
- Zusätzlich ggf. LAMA (z. B. Tiotropium) als Triple-Therapie (ICS + LABA + LAMA)
- Laut NVL 2024 sollte vor dem Einsatz von Biologika in der Regel ein ausreichend langer Therapieversuch auf Stufe 4 erfolgen¹
Stufe 5
Schwerstes unkontrolliertes Asthma — Biologika
Für Asthmatiker, die trotz maximaler inhalativer Therapie nicht ausreichend kontrolliert sind. Diese Antikörper-Medikamente blockieren gezielt Entzündungsbotenstoffe und werden in spezialisierten Zentren eingesetzt.¹˒³
- Omalizumab (Xolair): Anti-IgE — bei schwerem allergischem Asthma mit erhöhtem IgE
- Mepolizumab (Nucala): Anti-IL-5 — bei schwerem eosinophilem Asthma
- Benralizumab (Fasenra): Anti-IL-5-Rezeptor — wirkt ähnlich wie Mepolizumab
- Dupilumab (Dupixent): Anti-IL-4/IL-13 — bei Typ-2-Entzündung, oft auch wirksam bei gleichzeitiger Neurodermitis
- Tezepelumab (Tezspire): Anti-TSLP — neu in der NVL 2024 aufgenommen, wirkt unabhängig vom Entzündungstyp¹
Systemisches Cortison (z. B. Prednisolon)
Nur als kurzfristige Stoßtherapie bei schweren Exazerbationen empfohlen. Eine dauerhafte orale Cortisontherapie soll nach NVL 2024 möglichst vermieden werden — vorher sollten die verfügbaren Biologika-Optionen geprüft werden. Mehr:
Cortison absetzen.
¹
Keine Angst vor inhaliertem Cortison
ICS in der empfohlenen Dosis gilt in der Regel als sicher — auch für Kinder. Es wirkt lokal in den Atemwegen mit meist geringen systemischen Effekten. Gewichtszunahme, Osteoporose oder Diabetes betreffen in erster Linie die systemische Cortisongabe. Tipp: Nach dem Inhalieren den Mund ausspülen — so lässt sich das Risiko für Mundsoor deutlich reduzieren.