Fazialisparese (Gesichtslähmung):
Warum die Zeit drängt — und was sie vom Schlaganfall unterscheidet

Auf einen Blick

HäufigkeitEine der häufigsten Erkrankungen eines einzelnen Hirnnervs; meist ohne erkennbare Ursache (idiopathisch)
DefinitionLähmung der Gesichtsmuskulatur einer Seite durch Schädigung des Gesichtsnervs (Nervus facialis)
DringlichkeitNoch am selben Tag ärztlich abklären. Mit Arm-, Bein-, Sprach- oder Sehstörung: sofort 112
Therapie der WahlCortison (meist Prednisolon), möglichst innerhalb von 72 Stunden begonnen, plus konsequenter Augenschutz
PrognoseDie große Mehrheit erholt sich vollständig oder weitgehend, meist innerhalb von Wochen bis Monaten
Leitlinie & ICD-10S2k-Leitlinie idiopathische Fazialisparese (DGN, 2022) · G51.0

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1. Was ist eine Fazialisparese?

Bei einer Fazialisparese ist der Gesichtsnerv (Nervus facialis) gestört, der die mimische Muskulatur einer Gesichtshälfte steuert. Fällt er aus, hängt die betroffene Seite: Der Mundwinkel sinkt ab, das Auge schließt nicht mehr vollständig, die Stirn bleibt glatt. Weil der Nerv auch Geschmacksfasern, Tränen- und Speicheldrüsen und einen kleinen Schallschutzmuskel im Mittelohr versorgt, gehören Geschmacksveränderungen, ein trockenes oder tränendes Auge und Geräuschempfindlichkeit oft mit zum Bild.¹,²

Am häufigsten ist die idiopathische Fazialisparese, auch Bell-Lähmung genannt — „idiopathisch" heißt: ohne erkennbare Ursache. Sie ist eine Ausschlussdiagnose: Erst wenn Schlaganfall, Gürtelrose, Borreliose, Ohrentzündungen und Tumoren ausgeschlossen sind, bleibt sie stehen.¹ Sie kann in jedem Alter auftreten; Menschen mit Diabetes und Schwangere im letzten Drittel sind etwas häufiger betroffen. Die gute Nachricht vorweg: Die meisten erholen sich vollständig oder weitgehend.

Peripher oder zentral? Bei der peripheren Fazialisparese ist der Nerv selbst auf seinem Weg ins Gesicht geschädigt — betroffen ist die ganze Gesichtshälfte einschließlich Stirn. Bei der zentralen Lähmung sitzt die Störung im Gehirn, meist ein Schlaganfall, und die Stirn bleibt oft beweglich.

2. Warum die Zeit drängt: Schlaganfall ausschließen

Eine neue Gesichtslähmung gehört noch am selben Tag ärztlich abgeklärt. Dafür gibt es drei Gründe, und sie ticken unterschiedlich schnell:¹,²

  • Minuten — Schlaganfall ausschließen: Ein hängender Mundwinkel ist ein klassisches Schlaganfall-Zeichen. Eine Lyse (medikamentöse Auflösung des Gerinnsels) ist nur in einem engen Zeitfenster von wenigen Stunden möglich.
  • Stunden bis Tage — Cortison rechtzeitig beginnen: Der Nutzen bei der idiopathischen Form ist für einen Start innerhalb von 72 Stunden belegt.
  • Ab dem ersten Tag — das Auge schützen: Schließt das Lid nicht, trocknet die Hornhaut aus.
Sofort 112 — nicht abwarten. Wähle den Notruf, wenn zur Gesichtslähmung Schwäche oder Taubheit in Arm oder Bein, Sprach- oder Verständnisstörungen, plötzliche Sehstörungen, heftiger Schwindel mit Gangunsicherheit, starke Kopfschmerzen oder Verwirrtheit dazukommen. Dasselbe gilt, wenn die Lähmung schlagartig innerhalb von Minuten einsetzt — und immer, wenn du unsicher bist.

Die Stirn-Regel — und ihre Grenzen

In der Notaufnahme wird als Erstes geprüft, ob du die Stirn auf der betroffenen Seite noch runzeln kannst. Die obere Gesichtshälfte wird von beiden Hirnhälften angesteuert; bei einem Schlaganfall bleibt sie deshalb oft beweglich. Bei der peripheren Lähmung fällt die gesamte Gesichtshälfte aus.¹,³

MerkmalEher periphere FazialispareseEher zentral, z. B. Schlaganfall
StirnrunzelnAuf der betroffenen Seite nicht möglichMeist noch möglich
LidschlussUnvollständig; der Augapfel dreht beim Schließversuch sichtbar nach obenMeist erhalten
BeginnZunehmend über Stunden bis etwa drei TageOft schlagartig
BegleitzeichenSchmerz hinter dem Ohr, Geschmacksstörung, GeräuschempfindlichkeitArm- oder Beinschwäche, Sprach-, Seh- oder Gleichgewichtsstörung
Tabelle nach rechts scrollbar

Diese Tabelle ist kein Selbsttest. Kleine Schlaganfälle im Hirnstamm können eine periphere Lähmung täuschend echt nachahmen. Die Einordnung gehört in ärztliche Hände — im Zweifel lieber einmal zu viel in die Notaufnahme.

Nimmst du Blutverdünner? Sag in der Notaufnahme sofort, ob du einen Gerinnungshemmer wie Apixaban, Rivaroxaban oder Phenprocoumon einnimmst und wann zuletzt. Das entscheidet mit darüber, ob eine Lyse infrage kommt. Ein aktueller Medikationsplan auf dem Handy spart hier Minuten.

3. Symptome und Verlauf

Die idiopathische Fazialisparese erreicht ihre volle Ausprägung meist innerhalb von Stunden bis etwa drei Tagen. Oft fällt sie morgens im Spiegel auf — oder beim Zähneputzen, wenn Wasser aus dem Mundwinkel läuft.¹,³

  • Hängender Mundwinkel — Lächeln und Pfeifen gelingen nur einseitig, beim Trinken läuft Flüssigkeit heraus.
  • Unvollständiger Lidschluss (Lagophthalmus) — das Auge bleibt einen Spalt offen, auch im Schlaf; es tränt, brennt oder wird rot.
  • Glatte Stirn — kein Stirnrunzeln auf der betroffenen Seite, die Augenbraue hängt.
  • Essensreste in der Wangentasche — die gelähmte Wange hält die Nahrung nicht mehr zwischen den Zähnen.
  • Schmerz hinter dem Ohr — geht der Lähmung häufig voraus oder begleitet sie.
  • Veränderter Geschmack und Geräuschempfindlichkeit — vermindert oder metallisch auf einer Zungenseite; Alltagsgeräusche klingen auf einem Ohr zu laut.

Viele beschreiben die Wange als „taub", obwohl das Hautgefühl meist erhalten ist — für die Berührungsempfindung ist ein anderer Nerv zuständig. Hellhörig werden Ärztinnen und Ärzte bei Bläschen im Ohr, sehr starken Ohrenschmerzen, Hörverlust oder Drehschwindel, einer Lähmung beider Seiten, langsamem Fortschreiten über Wochen, wiederholter Lähmung derselben Seite oder weiteren Nervenausfällen. Dann wird gezielt nach einer Ursache gesucht.¹

Zur Abgrenzung: Blitzartige Gesichtsschmerzen ohne Lähmung sprechen für eine Trigeminusneuralgie — ein anderer Nerv, ein anderes Krankheitsbild.


4. Ursachen: idiopathisch, Gürtelrose, Borreliose & Co.

Bei der idiopathischen Form ist die Ursache nicht sicher geklärt. Die führende Vorstellung: Reaktivierte Herpesviren lösen eine Schwellung des Nervs aus, der in seinem engen Knochenkanal nicht ausweichen kann. Bewiesen ist das nicht — und dass Virostatika allein nicht helfen, spricht gegen eine einfache Virusinfektion als alleinige Erklärung.¹

  • Gürtelrose am Ohr (Zoster oticus) — Bläschen im Gehörgang, starke Schmerzen, oft Hörminderung und Schwindel. Ungünstigere Prognose, antivirale Behandlung nötig. Mehr unter Gürtelrose.
  • Borreliose — nach einem Zeckenstich, vor allem im Sommer und Herbst; bei Kindern eine vergleichsweise häufige Ursache, manchmal beidseitig.⁴ Siehe Borreliose.
  • Ohrerkrankungen, Verletzungen, Operationen — etwa eine Mittelohrentzündung, ein Schädelbasisbruch oder ein Eingriff an der Ohrspeicheldrüse.
  • Tumoren — typisch ist dann eine langsam zunehmende Lähmung.
  • Systemerkrankungen — etwa eine Sarkoidose oder das Guillain-Barré-Syndrom (entzündliche Nervenerkrankung); häufig beidseitig.
  • Risikofaktoren — Diabetes, Bluthochdruck, das letzte Schwangerschaftsdrittel und die Wochen nach der Geburt.
Medikamente und Impfungen gehören in die Anamnese. Als direkter Auslöser sind sie selten. In den Produktinformationen der mRNA-Covid-19-Impfstoffe ist eine akute periphere Fazialisparese als seltene Nebenwirkung aufgeführt.⁵ Wichtiger im Alltag: Immunsuppressiva wie Cortison in Dauertherapie, Methotrexat oder Biologika erhöhen das Risiko einer Gürtelrose — und damit eines Zoster oticus. Nenne deshalb alle Medikamente und Impfungen der letzten Wochen.

Und Stress oder Zugluft? Beides wird gern genannt, als Ursache belegt ist keines von beiden. Schuldgefühle wegen des offenen Fensters sind fehl am Platz.


5. Diagnose: was in Notaufnahme und Praxis passiert

Die Diagnose ist in erster Linie klinisch. Technische Tests dienen vor allem dazu, andere Ursachen auszuschließen und die Prognose abzuschätzen.¹

  • Neurologische Untersuchung: Gesicht, Arme, Beine, Sprache, Augenbewegungen und übrige Hirnnerven. Bei Schlaganfallverdacht sofort CT oder MRT.
  • Ohr und Ohrspeicheldrüse: Blick in den Gehörgang (Bläschen, Entzündung?) und Abtasten vor dem Ohr.
  • Schweregrad: Meist nach der House-Brackmann-Skala von I (normal) bis VI (vollständige Lähmung).
  • Blut und Nervenwasser: Blutzucker, Entzündungswerte; bei Borreliose-Verdacht Antikörper im Blut und oft eine Lumbalpunktion — vor allem bei Kindern und bei beidseitiger Lähmung.⁴
  • Bildgebung: Bei typischer Bell-Lähmung nicht routinemäßig; sinnvoll bei untypischem Verlauf oder fehlender Besserung nach etwa drei Monaten.
  • Elektrophysiologie: Messungen der Nerven- und Muskelaktivität werden erst nach einigen Tagen aussagekräftig und helfen bei schweren Lähmungen, die Prognose einzuschätzen.

Für den Termin sind der genaue Beginn, ein eventueller Zeckenstich und deine vollständige Medikamentenliste mehr wert als jede Recherche.

6. Therapie: Cortison in den ersten 72 Stunden

Bei der idiopathischen Fazialisparese ist die Studienlage erfreulich klar: Glukokortikoide (Cortison-Präparate), innerhalb von 72 Stunden begonnen, erhöhen den Anteil vollständiger Erholungen und senken das Risiko bleibender Fehlverschaltungen. Große randomisierte Studien stützen das; die Leitlinie empfiehlt die Behandlung für Erwachsene ohne Gegenanzeigen.¹

Ehrlich eingeordnet: Auch ohne Behandlung erholt sich ein großer Teil. Cortison verschiebt die Chancen spürbar, eine Garantie ist es nicht — und wer erst nach einer Woche kommt, profitiert nach aktuellem Wissensstand kaum noch.

Erstlinie Cortison und Augenschutz
Prednisolon über etwa fünf bis zehn Tage
Übliche Schemata: gleichbleibende Dosis über zehn Tage oder höhere Anfangsdosis über fünf Tage mit anschließender Reduktion. Eine Überlegenheit eines Schemas ist nicht belegt — die Praxis entscheidet.
Augenschutz vom ersten Tag an
Tränenersatzmittel tagsüber, Gel oder Salbe und Uhrglasverband zur Nacht — genauso wichtig wie die Tabletten.
Erwägung Bei sehr schwerer Lähmung
Zusätzlich ein Virostatikum
Aciclovir oder Valaciclovir. Nicht routinemäßig empfohlen; bei vollständiger Lähmung wird die Kombination teils erwogen. Ein Zusatznutzen ist nicht sicher belegt.
Gezielt Wenn eine Ursache gefunden wird
Zoster oticus
Antivirale Behandlung so früh wie möglich, meist mit Cortison, dazu ausreichende Schmerztherapie.
Borreliose
Antibiotikum, meist Doxycyclin als Tablette, alternativ Ceftriaxon als Infusion.⁴ Ob Cortison hier zusätzlich hilft, ist nicht belegt.

Kinder erholen sich häufig auch ohne Behandlung gut; die Studienlage zu Cortison ist bei ihnen deutlich dünner. In der Schwangerschaft kann Cortison nach Nutzen-Risiko-Abwägung eingesetzt werden, zusätzlich wird der Blutdruck kontrolliert, weil eine Gesichtslähmung in dieser Phase gehäuft mit einer Präeklampsie (Schwangerschaftsvergiftung) zusammentrifft. Welche Wirkstoffe, in welcher Dosis und wie lange: Das entscheidet immer die behandelnde Praxis.


7. Medikamente in der Praxis

Cortison: kurz, hoch dosiert — und trotzdem nicht banal

Meist kommt Prednisolon zum Einsatz. Über wenige Tage wird es in der Regel gut vertragen, die typischen Stolpersteine sind aber bekannt:⁶

  • Blutzucker: steigt oft schon am ersten Tag, bei Diabetes teils deutlich. Häufiger messen und Anpassungen von Insulin oder Tabletten vorher mit der Praxis absprechen.
  • Magen und Blutung: Zusammen mit Schmerzmitteln wie Ibuprofen, Diclofenac oder ASS steigt das Risiko für Magenschleimhautschäden, mit Gerinnungshemmern das Blutungsrisiko. Dann wird oft ein Magenschutz ergänzt.
  • Blutdruck, Schlaf, Stimmung: Blutdruckanstieg, Unruhe und Schlafstörungen sind häufig — die Einnahme am Morgen mildert Letzteres.
  • Infekte: Das Immunsystem ist gedämpft; Fieber gehört ärztlich beurteilt.

Wie Glukokortikoide wirken und was bei längerer Einnahme zählt, steht im Cortison-Ratgeber.

Nicht eigenmächtig absetzen, verlängern oder doppeln. Eine Stoßtherapie über wenige Tage endet oft ohne langes Ausschleichen — halte dich trotzdem genau an das verordnete Schema. Nimmst du bereits dauerhaft Cortison, etwa wegen Rheuma oder Asthma, darf die Grunddosis nicht unterbrochen werden. Mehr unter Cortison absetzen und Medikamente absetzen.

Virostatika und Antibiotika

Aciclovir und Valaciclovir werden über die Nieren ausgeschieden; bei eingeschränkter Nierenfunktion muss die Dosis angepasst werden, sonst drohen Verwirrtheit und Nierenschäden. Doxycyclin wird nicht zeitgleich mit Milch, Calcium-, Magnesium- oder Eisenpräparaten eingenommen und macht die Haut lichtempfindlich.⁶

Brivudin und Krebsmedikamente: eine lebensgefährliche Kombination. Bei Gürtelrose wird manchmal Brivudin verordnet. Es darf nie mit Fluoropyrimidinen wie 5-Fluorouracil oder Capecitabin kombiniert werden — auch nicht mit 5-FU-haltigen Hautcremes —, und zwischen beiden müssen mindestens vier Wochen liegen. Sag bei jeder Zoster-Behandlung, ob du eine Chemotherapie bekommst oder bekommen hast; mehr unter Wechselwirkungen.

Tabletten, Tropfen, Salbe — drei Therapien, ein Plan

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8. Augenschutz: der unterschätzte Teil

Schließt das Lid nicht, fehlt der Wischeffekt des Blinzelns, und die Hornhaut trocknet aus. Die Folge kann eine Entzündung oder ein Hornhautgeschwür sein — im ungünstigsten Fall mit bleibender Sehminderung.¹,³

  • Tränenersatzmittel tagsüber — regelmäßig, nicht erst bei Beschwerden; bei häufiger Anwendung konservierungsmittelfrei. Mehr unter trockene Augen.
  • Gel oder Salbe und Uhrglasverband zur Nacht — die durchsichtige Kappe schafft eine feuchte Kammer. Kein Pflaster direkt auf das offene Auge kleben, es kann auf der Hornhaut scheuern.
  • Brille mit Seitenschutz und Bildschirmpausen — gegen Wind und Staub; beim konzentrierten Schauen blinzeln wir ohnehin seltener.
Sofort zur Augenärztin oder zum Augenarzt bei Schmerzen im Auge, zunehmender Rötung, Fremdkörpergefühl, Blendempfindlichkeit oder verschwommenem Sehen. Das können Zeichen einer Hornhautschädigung sein.

Bleibt das Auge länger offen, helfen ein kleines Gold- oder Platingewicht im Oberlid, vorübergehend eine Botulinumtoxin-Spritze in den Lidheber oder selten eine teilweise Vernähung der Lidränder.


9. Prognose, Restbeschwerden und was nicht hilft

Die Aussichten bei der idiopathischen Form sind gut: Die große Mehrheit erholt sich vollständig oder nahezu vollständig. Erste Besserungen zeigen sich meist innerhalb von etwa drei Wochen, die vollständige Erholung kann Monate dauern. Ungünstigere Vorzeichen sind eine komplette Lähmung, fehlende Besserung in den ersten Wochen, höheres Alter, Diabetes, Bluthochdruck und der Zoster oticus.¹,³

Mögliche Restbeschwerden sind Synkinesien (Mitbewegungen: Beim Lächeln schließt sich das Auge mit), weil nachwachsende Nervenfasern den falschen Muskel erreichen, Krokodilstränen (Tränen beim Essen) und eine verspannte Gesichtshälfte. Dagegen helfen gezielte Botulinumtoxin-Spritzen, Übungsbehandlung mit Spiegel oder Biofeedback und in spezialisierten Fazialis-Zentren operative Verfahren. Bleibt nach einigen Monaten jede Erholung aus, lohnt die Vorstellung dort — manche Nervenoperationen sind nur in einem begrenzten Zeitfenster sinnvoll.

VerfahrenEinordnung nach aktuellem Wissensstand
Virostatika allein, ohne CortisonKein Nutzen belegt — nicht empfohlen
Elektrostimulation in der AkutphaseKein Nutzennachweis; Sorge, dass sie Mitbewegungen fördert
Operative Druckentlastung des NervsNutzen nicht belegt, Risiken wie Hörverlust — kein Standard
Akupunktur, Vitamin-B-PräparateStudien klein oder fehlend; kein Beleg für schnellere Erholung
Kraftvolles GrimassierenKann Mitbewegungen eher verstärken — besser sanfte Übungen nach Anleitung
Tabelle nach rechts scrollbar

10. Alltag mit einer Gesichtslähmung

  • Essen, Trinken, Zähne — auf der gesunden Seite kauen, bei Bedarf mit Strohhalm trinken, die Wangentasche nach dem Essen leeren und gründlich putzen: Speisereste fördern Karies.
  • Augen-Routine mit festen Zeiten — wer sich aufs Gefühl verlässt, tropft meist zu selten.
  • Verlauf festhalten — regelmäßig ein Foto in gleicher Position und kurze Notizen zu Lidschluss, Mundwinkel und Geschmack.
  • Alle Medikamente an einem Ort — Cortison, Tropfen und ggf. Virostatikum kommen zur Dauermedikation dazu.
  • Die seelische Seite ernst nehmen — Scham und Rückzug sind häufig; darüber zu sprechen, auch mit Fachleuten, ist kein Zeichen von Schwäche.

Eine Gesichtslähmung wirkt dramatisch, und der Schreck ist berechtigt — genau deshalb gehört sie sofort abgeklärt. Ist ein Schlaganfall ausgeschlossen und die Behandlung begonnen, braucht es vor allem Geduld: Nerven heilen langsam, aber in den allermeisten Fällen heilen sie.

Kontrolltermin in drei Wochen — und bis dahin?

Einnahmen, Augentropfen und Blutzuckerwerte im Verlauf festhalten, statt sie beim Termin zu rekonstruieren.

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FAQ: Häufige Fragen zur Fazialisparese

Sicher unterscheiden kannst du es selbst nicht. Ein Hinweis ist die Stirn: Bei einem Schlaganfall lässt sie sich oft noch runzeln, bei der peripheren Fazialisparese nicht — aber diese Regel hat Ausnahmen. Kommen Arm- oder Beinschwäche, Sprach- oder Sehstörungen dazu, setzt die Lähmung schlagartig ein oder bist du unsicher, wähle sofort 112.
Der Nutzen ist für einen Beginn innerhalb von 72 Stunden nach Auftreten der Lähmung belegt; später begonnen ist er fraglich. Deshalb sollte eine neue Gesichtslähmung noch am selben Tag ärztlich untersucht werden.
Bei der idiopathischen Form erholt sich auch ohne Behandlung ein großer Teil der Betroffenen. Mit rechtzeitig begonnenem Cortison ist der Anteil vollständiger Heilungen aber nachweislich höher, und bleibende Mitbewegungen werden seltener. Abwarten ist bei Erwachsenen deshalb keine gleichwertige Alternative.
Erste Besserungen zeigen sich meist innerhalb von etwa drei Wochen, bis zur vollständigen Erholung können mehrere Monate vergehen. Bleibt nach einigen Monaten jede Besserung aus, sollte die Ursache erneut geprüft und eine spezialisierte Behandlung besprochen werden.
Wenn das Lid nicht schließt, trocknet die Hornhaut aus und kann sich entzünden oder ein Geschwür bilden, im schlimmsten Fall mit bleibender Sehminderung. Tränenersatzmittel tagsüber, Gel oder Salbe und ein Uhrglasverband nachts schützen davor. Schmerzen, Rötung oder verschwommenes Sehen gehören sofort augenärztlich untersucht.
Beides wird oft vermutet, ist als Ursache aber nicht belegt. Diskutiert wird vor allem eine Reaktivierung von Herpesviren, die den Nerv anschwellen lässt. Bekannte Risikofaktoren sind unter anderem Diabetes, Bluthochdruck und das letzte Drittel der Schwangerschaft.
Das kommt vor, ist aber nicht die Regel. Eine erneute Lähmung kann dieselbe oder die andere Gesichtshälfte betreffen. Tritt sie wiederholt auf derselben Seite auf, wird gezielt nach einer Ursache gesucht, meist mit einer Bildgebung.

Quellen

  1. S2k-Leitlinie Therapie der idiopathischen Fazialisparese (Bell's palsy), Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN), 2022. In: Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. dgn.org
  2. gesund.bund.de (Bundesministerium für Gesundheit): Fazialisparese (Gesichtslähmung). Abgerufen 2026. gesund.bund.de
  3. MSD Manual, Patientenausgabe: Bell-Lähmung (idiopathische Fazialisparese). Abgerufen 2026. msdmanuals.com
  4. S3-Leitlinie Neuroborreliose, Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) und weitere Fachgesellschaften, 2018. awmf.org
  5. Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA): Produktinformationen der mRNA-Covid-19-Impfstoffe Comirnaty und Spikevax, Abschnitt 4.8 Nebenwirkungen. Abgerufen 2026. ema.europa.eu
  6. Fachinformationen der Wirkstoffe Prednisolon, Aciclovir, Valaciclovir, Brivudin und Doxycyclin (Abschnitte Gegenanzeigen, Wechselwirkungen, Nebenwirkungen). Abgerufen 2026. fachinfo.de

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Medizinischer Haftungsausschluss: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Therapie. Eine neu aufgetretene Gesichtslähmung gehört noch am selben Tag ärztlich untersucht; kommen Arm- oder Beinschwäche, Sprach- oder Sehstörungen hinzu oder setzt sie schlagartig ein, wähle sofort den Notruf 112. Beende oder verlängere eine Cortison-Therapie nie eigenmächtig — die Medikamentenwahl und Dosierung wird immer individuell von der behandelnden Praxis festgelegt. Letzte Aktualisierung: September 2026.