Betahistin

Betahistin: Was es bei Morbus Menière wirklich kann — und was nicht

Betahistin ist ein Histamin-Abkömmling, der in Deutschland für Schwindel beim Morbus Menière zugelassen ist und dort seit Jahrzehnten als Dauertherapie verordnet wird. Er ist gut verträglich, typisch sind allenfalls Magenbeschwerden und Kopfschmerzen. Ob er die Schwindelattacken wirklich seltener macht, ist nach den neueren, sorgfältigeren Studien allerdings unsicher — ein ehrlicher Blick auf die Datenlage hilft dir, die Therapie mit deiner Praxis realistisch zu bewerten.

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Betahistin tracken

1. Auf einen Blick: Technisches Datenblatt

EigenschaftDetails
WirkstoffBetahistin (als Betahistindihydrochlorid)
ATC-CodeN07CA01
WirkstoffklasseAntivertiginosum (Mittel gegen Schwindel); Histamin-Analogon
DarreichungsformenTabletten, je nach Hersteller zu 8, 16 und 24 mg
HalbwertszeitBetahistin wird sehr schnell zu 2-Pyridylessigsäure abgebaut; deren Halbwertszeit liegt bei etwa 3,5 Stunden — daher Einnahme verteilt über den Tag
Max. Tagesdosis48 mg Betahistindihydrochlorid pro Tag laut Fachinformation
WirkungseintrittKeine Sofortwirkung; eine Besserung zeigt sich laut Fachinformation teils erst nach einigen Wochen, der Behandlungserfolg mitunter erst nach Monaten
RezeptpflichtVerschreibungspflichtig
BesonderheitNicht bei Phäochromozytom; Wirksamkeit in neueren, großen Studien nicht sicher belegt
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2. Wirkungsweise: ein Histamin-Abkömmling für das Innenohr

Betahistin ist in Deutschland für Schwindelzustände beim Morbus Menière zugelassen; manche Präparate nennen ausdrücklich den ganzen Symptomenkomplex aus Schwindel, Ohrgeräuschen und Hörverlust.¹ Für andere Schwindelformen, etwa gutartigen Lagerungsschwindel oder Schwindel im Alter, ist es nicht zugelassen. Was der Morbus Menière ist, wie er sich von anderen Ursachen unterscheidet und wie er diagnostiziert wird, beschreibt der Erkrankungsbeitrag ausführlich; hier geht es um das Medikament.

Zur Einordnung nur so viel: Typisch für Menière sind wiederkehrende Drehschwindelattacken von 20 Minuten bis zu 12 Stunden, dazu eine schwankende Hörminderung, Ohrgeräusche oder ein Druckgefühl im Ohr auf der betroffenen Seite.² Im Innenohr findet sich häufig ein Stau der Innenohrflüssigkeit (Endolymphhydrops); warum er entsteht, ist nicht vollständig geklärt.

Betahistin ähnelt chemisch dem körpereigenen Botenstoff Histamin. Wie genau es wirkt, ist laut Fachinformation nur zum Teil geklärt. Diskutiert werden mehrere Mechanismen, die überwiegend aus Tierversuchen stammen:¹

  • Histamin-System: Betahistin wirkt als teilweiser Aktivator am H1-Rezeptor und als Blocker am H3-Rezeptor. Dadurch wird im Nervensystem mehr Histamin freigesetzt.
  • Durchblutung: Im Tierversuch verbesserte es die Durchblutung bestimmter Gefäße im Innenohr.
  • Gleichgewichtszentren: Es dämpft dosisabhängig die Aktivität in den Gleichgewichtskernen des Hirnstamms und erleichterte bei Tieren die Anpassung des Gehirns nach einem Ausfall des Gleichgewichtsorgans.

Aus diesem Profil ergeben sich die zwei Dinge, die du über Betahistin wissen solltest. Erstens: Es ist ein Mittel zur Dauerbehandlung mit dem Ziel, Attacken seltener und schwächer zu machen — es beendet keine laufende Schwindelattacke. Zweitens: Weil es dem Histamin ähnelt, erklären sich die wichtigsten Vorsichtsregeln — bei Magengeschwüren, Asthma, Nesselsucht und dem seltenen Phäochromozytom.

Kein Mittel gegen „Schwindel allgemein". Schwindel hat viele Ursachen — vom Lagerungsschwindel über Kreislauf und Medikamente bis zum Schlaganfall. Betahistin ist für Menière zugelassen. Wenn du es ohne gesicherte Diagnose bekommen hast, lohnt sich die Frage, welche Ursache vermutet wird. Medikamente als Auslöser beschreibt der Ratgeber Schwindel durch Medikamente.

3. Dosierung: bis 48 mg am Tag, verteilt

Die folgenden Angaben beschreiben die Fachinformation und sind keine Einnahmeempfehlung. Dosis und Dauer legt die behandelnde Praxis fest.¹

  • Erwachsene: Die übliche Erhaltungsdosis liegt laut Fachinformation bei 24 bis 48 mg Betahistindihydrochlorid pro Tag, verteilt auf zwei oder drei Einzeldosen. Ein Teil der Präparate nennt als Anfangsdosis dreimal täglich 16 mg.
  • Höchstdosis: Die Tagesdosis soll 48 mg nicht überschreiten.
  • Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren: Die Anwendung wird nicht empfohlen, weil keine ausreichenden Daten vorliegen.
  • Ältere Menschen, Nieren- und Leberschwäche: Es gibt nur wenige Studiendaten; eine feste Dosisanpassung ist nicht vorgegeben, die Fachinformationen empfehlen teils Vorsicht.

Die hausärztliche S2k-Leitlinie „Schwindel in der Hausarztpraxis" nennt beim Morbus Menière ebenfalls bis zu 48 mg pro Tag, aufgeteilt auf mehrere Einzeldosen, und vermerkt ausdrücklich eine bisher geringe Evidenzlage.³ In Studien und in der Praxis wurden teils deutlich höhere Dosen erprobt. Das liegt außerhalb der Zulassung und ist, wie Abschnitt 6 zeigt, durch Studien nicht gestützt; in ihrer aktuellen Fassung hat die Leitlinie frühere Hinweise auf höhere Dosen gestrichen.³


4. Einnahme: mit dem Essen, regelmäßig, mit Geduld

Betahistin ist im Alltag ein unkompliziertes Medikament. Die wichtigsten Punkte:

  1. Während oder nach den Mahlzeiten. So steht es in der Fachinformation. Die Gesamtaufnahme ist mit und ohne Essen ähnlich, der Wirkstoff wird mit dem Essen nur langsamer aufgenommen — und der Magen verträgt es besser.¹ Mehr dazu unter Medikamente vor oder nach dem Essen.
  2. Über den Tag verteilt. Weil der Körper Betahistin schnell abbaut, wird die Tagesdosis auf zwei oder drei Einnahmen verteilt, etwa zum Frühstück, Mittag- und Abendessen. Eine feste Kopplung an die Mahlzeiten macht es leichter, keine Dosis zu vergessen.
  3. Unzerkaut mit Wasser. Die Bruchkerbe vieler Tabletten dient laut Fachinformation nur dem leichteren Schlucken, nicht dem Teilen in gleiche Dosen — es sei denn, das Präparat erlaubt es ausdrücklich.
  4. Vergessene Dosis: Nicht verdoppeln. In der Regel wird die nächste Dosis zur gewohnten Zeit genommen; Grundsätzliches unter Medikament vergessen.
  5. Anfallskalender führen. Notiere Datum, Dauer und Stärke jeder Schwindelattacke, dazu Ohrgeräusche, Hörgefühl und mögliche Auslöser. Nur so lässt sich nach einigen Monaten ehrlich beurteilen, ob sich etwas verändert hat.
Vor dem Start ein Ziel und einen Prüftermin vereinbaren. Weil eine Besserung laut Fachinformation Wochen bis Monate dauern kann und Menière ohnehin schwankt, ist es sinnvoll, mit der Praxis vorab festzulegen: Woran messen wir den Erfolg — und wann schauen wir gemeinsam auf den Kalender? Das schützt sowohl vor zu frühem Aufgeben als auch vor einer jahrelangen Einnahme ohne erkennbaren Nutzen.

Dreimal täglich zum Essen — und jede Attacke im Kalender

Erinnerung zu den Mahlzeiten und ein Schwindeltagebuch, das du zum nächsten Termin mitnimmst.

Erinnerung einrichten

5. Nebenwirkungen: meist Magen und Kopf

Betahistin gilt als gut verträglich. In placebokontrollierten Studien traten laut Fachinformation nur wenige Nebenwirkungen häufiger auf als unter Scheinmedikament.¹

NebenwirkungHäufigkeit laut FachinformationWas hilft
Übelkeit, Verdauungsbeschwerden (Dyspepsie)HäufigEinnahme während oder nach dem Essen; ggf. Dosis mit der Praxis besprechen
KopfschmerzenHäufigMeist mild; bei Zunahme ansprechen
Leichte Magen-Darm-Beschwerden: Erbrechen, Bauchschmerzen, Völlegefühl, BlähungenNicht bekannt (nach Markteinführung berichtet)Laut Fachinformation meist durch Einnahme zum Essen oder Dosisreduktion vermeidbar
Hautreaktionen: Nesselsucht, Ausschlag, Juckreiz, Angioödem (Schwellung von Haut und Schleimhaut)Nicht bekanntÄrztlich abklären; Schwellung im Gesicht oder Rachen ist ein Notfall
Überempfindlichkeitsreaktionen bis zur AnaphylaxieNicht bekanntSofort 112
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Müdigkeit ist kein typisches Problem: In Studien zur Verkehrstüchtigkeit hatte Betahistin keinen oder nur einen vernachlässigbaren Einfluss. Einzelne Fachinformationen weisen aber darauf hin, dass Schläfrigkeit möglich ist.¹ Für das Autofahren ist ohnehin meist die Erkrankung entscheidender als das Medikament — eine plötzliche Drehschwindelattacke am Steuer ist gefährlich. Mehr dazu unter Medikamente und Autofahren.

Wann sofort Hilfe nötig ist. Schwellungen von Zunge, Lippen oder Rachen, Atemnot oder ein Kreislaufzusammenbruch nach der Einnahme sprechen für eine schwere allergische Reaktion — sofort die 112. Ebenso ein Notfall ist Schwindel, der anders ist als deine gewohnten Attacken: mit Sprach- oder Sehstörungen, Lähmungen, Gangunsicherheit oder sehr starken Kopfschmerzen. Dahinter kann ein Schlaganfall stecken, auch wenn du die Diagnose Menière hast.

6. Was Betahistin bei Menière wirklich kann: die Studienlage

Das ist der Kern dieses Beitrags. Betahistin wird seit Jahrzehnten verordnet, und viele Menschen berichten, dass ihre Attacken darunter seltener wurden. Die Fachinformation verweist auf Studien, in denen sich Schwere und Häufigkeit der Schwindelattacken besserten.¹ Die meisten dieser Studien waren allerdings klein, kurz und methodisch angreifbar. Was sorgfältigere Untersuchungen zeigen, ist ernüchternder.

Die BEMED-Studie: kein Unterschied zum Placebo

Die bislang größte placebokontrollierte Langzeitstudie lief an deutschen Zentren. 221 Menschen mit Morbus Menière erhielten über neun Monate entweder ein Scheinmedikament, zweimal täglich 24 mg Betahistin oder dreimal täglich 48 mg — also das Dreifache der zugelassenen Höchstdosis. Ergebnis: Die Zahl der Schwindelattacken sank in allen drei Gruppen deutlich, aber unter Betahistin nicht stärker als unter Placebo, auch nicht in der hohen Dosis. Die Verträglichkeit war in allen Gruppen gut.⁴

Der Cochrane-Review: Nutzen unsicher

Ein Cochrane-Review aus dem Jahr 2023 hat die Studien zu Medikamenten beim Morbus Menière zusammengefasst. Für Betahistin kommt er zu dem Schluss, dass sein Nutzen unsicher ist; die Aussagekraft der vorliegenden Studien ist überwiegend niedrig bis sehr niedrig.⁵ Die DEGAM-Leitlinie übernimmt diese Einschätzung: Für alle bislang untersuchten Medikamente zur Vorbeugung, ausdrücklich auch für Betahistin in den untersuchten Dosierungen, ist die Wirksamkeit ungewiss oder sehr ungewiss.³

Warum Erfahrungen und Studien auseinanderliegen

Der wichtigste Grund steht schon in der BEMED-Studie: Morbus Menière verläuft in Schüben. Wer wegen einer Häufung von Attacken behandelt wird, erlebt danach oft ohnehin eine ruhigere Phase — mit oder ohne Wirkstoff. Ohne Vergleichsgruppe sieht das wie ein Behandlungserfolg aus. Hinzu kommen Erwartungseffekte und die Tatsache, dass gleichzeitig oft auch Stress, Schlaf und Lebensstil angegangen werden.

FrageWas die Daten sagen
Stoppt Betahistin eine akute Attacke?Nein — dafür ist es nicht gedacht
Macht es Attacken auf Dauer seltener?Unsicher; in der größten Studie kein Unterschied zu Placebo
Verbessert es Hörvermögen oder Ohrgeräusche?Nicht verlässlich belegt
Helfen höhere Dosen?In BEMED nicht; außerhalb der Zulassung
Ist es gut verträglich?Ja, schwere Nebenwirkungen sind selten
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Was das für dich bedeutet. Unsichere Evidenz heißt nicht „wirkt sicher nicht". Einzelne Menschen können profitieren, und Betahistin ist gut verträglich. Es heißt aber: Die Einnahme sollte nicht automatisch über Jahre laufen. Sinnvoll ist ein Therapieversuch mit klarem Prüfpunkt — und wenn sich bis dahin nichts verändert hat, ein gemeinsam geplanter Auslassversuch. Wie du den Termin dafür vorbereitest, steht unter Arzttermin vorbereiten. Setze es nicht still auf eigene Faust ab, sondern mit deinem Kalender und deiner Praxis.

7. Wechselwirkungen: MAO-Hemmer und Antihistaminika

Studien zu Wechselwirkungen im Menschen gibt es laut Fachinformation nicht. Nach Laborbefunden hemmt Betahistin die Leberenzyme des Cytochrom-P450-Systems voraussichtlich nicht. Zwei Konstellationen nennt die Fachinformation trotzdem:¹

KombinationFolgeWas tun
MAO-Hemmer, auch MAO-B-Hemmer wie Selegilin (z. B. bei Parkinson)Abbau von Betahistin kann gebremst werden, höhere Spiegel möglichLaut Fachinformation Vorsicht; beide Praxen informieren
Antihistaminika, z. B. Cetirizin, Loratadin oder DimenhydrinatTheoretisch gegenseitige Abschwächung, weil Betahistin dem Histamin ähneltNicht ohne Rücksprache dauerhaft kombinieren; Kombination in der Praxis ansprechen
Weitere Medikamente, die Schwindel verursachen (z. B. Blutdrucksenker, Beruhigungsmittel)Keine Wechselwirkung mit Betahistin, aber zusätzlicher Schwindel kann Menière-Attacken überlagernGesamte Liste überprüfen lassen
AlkoholKeine spezifische Wechselwirkung beschrieben; Alkohol kann selbst Schwindel und Gangunsicherheit verstärkenZurückhaltung; siehe Medikamente und Alkohol
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Die Antihistaminika-Frage hat einen praktischen Haken: Gegen akute Schwindelattacken wird häufig Dimenhydrinat eingesetzt — und das ist selbst ein Antihistaminikum. Ob die theoretische Wechselwirkung im Alltag eine Rolle spielt, ist nicht untersucht. Es lohnt sich trotzdem, dass deine Praxis von beiden Mitteln weiß. Dasselbe gilt für Allergietabletten im Frühjahr, die oft rezeptfrei gekauft werden. Der brite Wechselwirkungs-Check prüft deine Liste inklusive rezeptfreier Mittel; Hintergründe im Ratgeber Wechselwirkungen von Medikamenten.


8. Akute Attacke und weitere Behandlungsschritte

Weil Betahistin keine laufende Attacke beendet, braucht es dafür einen eigenen Plan. Laut DEGAM-Leitlinie lassen sich akute Menière-Attacken nur symptomatisch behandeln: mit einem dämpfenden Antihistaminikum wie Dimenhydrinat, bei sehr starken Beschwerden kurzzeitig mit einem Benzodiazepin wie Diazepam, gegen Übelkeit und Erbrechen auch mit Mitteln wie Ondansetron.³ Diese Mittel sind für wenige Tage gedacht, nicht als Dauertherapie — sie können die Anpassung des Gleichgewichtssystems sogar bremsen.

Alltag Grundlagen und Gleichgewichtstraining
Vestibuläre Rehabilitation
Gezieltes Gleichgewichtstraining, oft mit Physiotherapie; hilft vor allem bei anhaltender Unsicherheit zwischen den Attacken.³
Lebensstil
Salzarme Kost, wenig Koffein und Alkohol werden oft empfohlen; die Evidenz dafür ist laut Leitlinie sehr niedrig.³
Medikamente Vorbeugende Tabletten
Betahistin
Zugelassen, gut verträglich, Nutzen unsicher — als zeitlich begrenzter Therapieversuch mit Prüftermin.
Entwässernde Mittel
Werden in einigen Ländern eingesetzt; laut Leitlinie ist auch hier die Wirksamkeit unsicher.³
HNO-Klinik Behandlung am Ohr
Spritzen ins Mittelohr
Cortison oder — bei schweren, häufigen Attacken — Gentamicin, das das Gleichgewichtsorgan gezielt dämpft und das Hörvermögen schädigen kann. Die Evidenz ist niedrig bis sehr niedrig.³
Operationen
Letzte Stufe bei sonst nicht beherrschbaren Attacken; Entscheidung in spezialisierten Zentren.

Welche Schritte für dich infrage kommen, hängt von Häufigkeit und Schwere der Attacken, vom Hörvermögen und davon ab, ob beide Ohren betroffen sind. Diese Entscheidungen trifft die behandelnde HNO-Praxis, oft gemeinsam mit einem Schwindelzentrum. Wichtig ist auch die Abgrenzung: Ein Teil der Menschen mit Menière-ähnlichen Attacken hat eine vestibuläre Migräne, die anders behandelt wird. Plötzlicher einseitiger Hörverlust ohne Schwindel spricht eher für einen Hörsturz.


9. Sonderfälle: Schwangerschaft, Alter, Asthma, Magen

  • Phäochromozytom: Bei diesem seltenen Tumor des Nebennierenmarks darf Betahistin nicht eingenommen werden. Als Histamin-Abkömmling kann es laut Fachinformation die Ausschüttung von Stresshormonen aus dem Tumor auslösen und zu einem schweren Blutdruckanstieg führen.¹
  • Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwür: Auch bei einem Geschwür in der Vorgeschichte ist laut Fachinformation Vorsicht und eine sorgfältige Überwachung geboten. Neue Oberbauchschmerzen, Teerstuhl oder Bluterbrechen gehören sofort ärztlich abgeklärt; Hintergründe unter Magenprobleme durch Medikamente.
  • Asthma: Bei Asthma wurde bei relativ wenigen Patienten eine Unverträglichkeit beobachtet; die Fachinformation fordert eine sorgfältige Überwachung.
  • Nesselsucht, Hautausschlag, Heuschnupfen: Die Beschwerden können sich laut Fachinformation verschlechtern — bei Nesselsucht oder allergischer Rhinitis deshalb Vorsicht.
  • Ausgeprägt niedriger Blutdruck: Ebenfalls ein Grund zur Vorsicht.
  • Schwangerschaft: Es gibt keine ausreichenden Daten. Aus Vorsichtsgründen soll Betahistin in der Schwangerschaft möglichst vermieden werden.¹ Plane mit der Praxis, wie es bei Kinderwunsch weitergeht; mehr unter Medikamente in der Schwangerschaft.
  • Stillzeit: Ob Betahistin in die Muttermilch übergeht, ist nicht bekannt; Nutzen und Risiko werden laut Fachinformation abgewogen.
  • Ältere Menschen: Es gibt wenige Studiendaten, aber lange Erfahrung. Wichtiger als Betahistin selbst ist im Alter oft der Blick auf alle Mittel, die Stürze begünstigen; siehe Medikamente im Alter.

10. Betahistin-Erfahrungen: Was Patienten wirklich fragen

„Seit ich Betahistin nehme, habe ich viel weniger Attacken. Also wirkt es doch?"

Für dich persönlich kann es so sein — und niemand nimmt dir die Erfahrung. Sicher unterscheiden lässt es sich aber nicht von einer ruhigen Phase, die bei Menière ohnehin häufig auf eine Häufung von Attacken folgt. Genau das zeigte die BEMED-Studie: Auch unter Placebo wurden die Attacken deutlich seltener. Wenn du gut zurechtkommst und das Mittel verträgst, spricht wenig gegen eine Fortsetzung. Nach einer längeren stabilen Phase ist es aber legitim, mit der Praxis über einen begleiteten Auslassversuch zu sprechen.

„Ich habe eine Attacke. Soll ich eine zusätzliche Tablette nehmen?"

Nein. Betahistin beendet keine laufende Attacke, und mehr als die verordnete Tagesdosis bringt nach den vorliegenden Studien keinen Zusatznutzen. Für akute Attacken braucht es einen eigenen, mit der Praxis abgesprochenen Plan, etwa mit einem Mittel gegen Schwindel und Übelkeit für wenige Tage. Leg dich während der Attacke hin, halte den Kopf ruhig und steh nicht abrupt auf.

„Mir ist nach dem Frühstück mit Betahistin oft flau im Magen."

Übelkeit und Verdauungsbeschwerden gehören zu den häufigsten Nebenwirkungen. Oft hilft es schon, die Tablette konsequent während oder direkt nach einer richtigen Mahlzeit zu nehmen statt nach einem Kaffee. Bleibt es dabei, kann die Praxis die Verteilung der Dosis über den Tag oder die Dosis selbst anpassen. Halte trotzdem im Blick, ob die Übelkeit nicht doch zu einer beginnenden Attacke gehört — dein Kalender hilft beim Unterscheiden.

„Ich nehme Betahistin seit Jahren. Muss das so bleiben?"

Nicht zwingend. Die Fachinformation nennt keine feste Behandlungsdauer, und angesichts der unsicheren Studienlage lohnt es sich, die Langzeiteinnahme regelmäßig zu hinterfragen. Ein typisches Vorgehen ist ein geplanter Auslassversuch in einer stabilen Phase mit weitergeführtem Anfallskalender. Ein gefährliches Absetzphänomen ist für Betahistin nicht beschrieben; trotzdem gehört die Entscheidung in die Hände der Praxis. Allgemeines dazu unter Medikamente absetzen.

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FAQ: Häufige Fragen zu Betahistin

Betahistin ist in Deutschland für Schwindelzustände beim Morbus Menière zugelassen, einer Innenohrerkrankung mit Drehschwindelattacken, schwankendem Hörvermögen, Ohrgeräuschen und Druckgefühl im Ohr. Es wird als Dauertherapie eingenommen, um Attacken vorzubeugen. Für andere Schwindelformen ist es nicht zugelassen.
Das ist unsicher. Die größte placebokontrollierte Langzeitstudie (BEMED) fand keinen Unterschied zwischen Betahistin und Placebo bei der Zahl der Attacken, auch nicht in hoher Dosis. Ein Cochrane-Review von 2023 bewertet den Nutzen als unklar. Einzelne Menschen können dennoch profitieren; sinnvoll ist ein Therapieversuch mit festem Prüftermin.
Betahistin wirkt nicht sofort. Laut Fachinformation tritt eine Besserung teils erst nach einigen Wochen ein, der Behandlungserfolg mitunter erst nach Monaten. Ein Anfallskalender hilft, nach einigen Monaten gemeinsam mit der Praxis zu beurteilen, ob sich etwas verändert hat.
Nein. Betahistin ist zur Vorbeugung gedacht und beendet keine laufende Attacke. Akute Attacken werden laut Leitlinie symptomatisch behandelt, etwa mit Dimenhydrinat und bei starken Beschwerden kurzzeitig mit anderen Mitteln gegen Schwindel und Übelkeit.
Laut Fachinformation werden die Tabletten unzerkaut mit Wasser während oder nach den Mahlzeiten eingenommen. Die übliche Tagesdosis von 24 bis 48 mg wird auf zwei oder drei Einnahmen verteilt, 48 mg pro Tag sollen nicht überschritten werden. Die genaue Dosis legt die Praxis fest.
Häufig sind Übelkeit, Verdauungsbeschwerden und Kopfschmerzen. Selten kommen Hautreaktionen wie Nesselsucht oder Juckreiz und Überempfindlichkeitsreaktionen vor; eine Schwellung von Gesicht oder Rachen mit Atemnot ist ein Notfall. Magenbeschwerden lassen sich meist durch die Einnahme zum Essen verringern.
Bei einem Phäochromozytom, einem seltenen hormonbildenden Tumor der Nebenniere, ist Betahistin verboten, weil es einen gefährlichen Blutdruckanstieg auslösen kann. Vorsicht gilt bei Magengeschwüren, Asthma, Nesselsucht, Heuschnupfen und sehr niedrigem Blutdruck. Für Kinder und Jugendliche wird es nicht empfohlen, in der Schwangerschaft soll es möglichst vermieden werden.
Ein gefährliches Absetzphänomen ist nicht beschrieben. Weil der Nutzen unsicher ist, kann ein Auslassversuch in einer stabilen Phase sinnvoll sein. Plane ihn trotzdem mit deiner Praxis und führe den Anfallskalender weiter, damit ihr eine Veränderung erkennt.

Quellen

  1. Fachinformation Betahistin STADA® 8 mg/16 mg/24 mg Tabletten (STADAPHARM, Stand Juni 2025) und Fachinformation Vasomotal® 24 mg (Betahistindihydrochlorid, aktueller Stand), jeweils Abschnitte 4.1 bis 4.9, 5.1 und 5.2. fachinfo.de
  2. Lopez-Escamez JA et al.: Diagnostic criteria for Menière's disease. Journal of Vestibular Research 2015;25:1–7 (Klassifikationskomitee der Bárány Society). pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
  3. S2k-Leitlinie Schwindel in der Hausarztpraxis (Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin, DEGAM; AWMF-Registernummer 053-018, Version 2.4, 2025). register.awmf.org
  4. Adrion C et al.: Efficacy and safety of betahistine treatment in patients with Meniere's disease: primary results of a long term, multicentre, double blind, randomised, placebo controlled, dose defining trial (BEMED trial). BMJ 2016;352:h6816. bmj.com
  5. Webster KE et al.: Systemic pharmacological interventions for Ménière's disease. Cochrane Database of Systematic Reviews 2023, CD015171. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov

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Medizinischer Haftungsausschluss: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Therapie. Nimm Betahistin nicht in höherer Dosis als verordnet und nicht bei einem Phäochromozytom ein; ändere oder beende die Einnahme nur nach Absprache mit deiner Praxis. Schwindel mit Sprach- oder Sehstörungen, Lähmungen oder sehr starken Kopfschmerzen sowie Schwellungen im Gesicht oder Atemnot sind Notfälle — wähle dann sofort die 112. Die Medikamentenwahl und Dosierung werden immer individuell von der behandelnden Praxis festgelegt. Letzte Aktualisierung: November 2026.