Geruchsstörung (Anosmie): Ursachen, Tests und was wirklich hilft

Plötzlich nichts mehr riechen? Ursachen von Post-Covid und Polypen bis Parkinson, olfaktorisches Training, Tests und wann ärztliche Abklärung nötig ist.

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Auf einen Blick

Definition
verminderte, fehlende oder verzerrte Geruchswahrnehmung — von leichter Beeinträchtigung bis vollständigem Verlust des Geruchssinns
Häufigkeit
etwa 5 Prozent der Bevölkerung in Deutschland leiden an einer relevanten Riechstörung — ab 65 Jahren bis zu 25 Prozent
Hauptursachen
Post-Covid und postvirale Riechstörungen, chronische Sinusitis mit Polypen, Schädel-Hirn-Trauma, neurodegenerative Erkrankungen, angeboren
Formen
Anosmie (vollständiger Verlust), Hyposmie (verminderter Geruch), Parosmie (verzerrter Geruch), Phantosmie (Geruch ohne Reiz), Kakosmie (alles riecht unangenehm)
Wichtig
Sicherheitsrisiko! Verbrannte Speisen, ausströmendes Gas oder verdorbene Lebensmittel werden nicht mehr bemerkt — gezielte Schutzmassnahmen nötig
Wann ärztlich
Geruchsstörung über 4 Wochen, einseitig, mit neurologischen Symptomen, Begleitsymptomen oder erheblicher Lebensqualitätseinbusse
ICD-10
R43.0 (Anosmie), R43.1 (Parosmie), R43.8 (sonstige Geruchs- und Geschmacksstörungen), R43.9 (n. n. b.)

1. Was ist eine Geruchsstörung?

Eine Geruchsstörung — medizinisch zusammengefasst als Dysosmie — bezeichnet jede Veränderung der normalen Geruchswahrnehmung. Das reicht von einer leichten Verminderung über verzerrte Wahrnehmung einzelner Düfte bis hin zum vollständigen Verlust des Geruchssinns (Anosmie). In Deutschland sind etwa 5 Prozent der Bevölkerung von einer relevanten Riechstörung betroffen, ab 65 Jahren sogar bis zu 25 Prozent — viele davon ohne ärztliche Abklärung.

Geruchsstörungen werden oft unterschätzt — von Betroffenen wie von Behandelnden. Dabei beeinflussen sie die Lebensqualität ähnlich stark wie Hörminderung oder Sehverlust: Essen verliert seinen Reiz, Sicherheitsrisiken nehmen zu (verbrannte Speisen, Gas, Rauch werden nicht bemerkt), das emotionale Erleben verändert sich (Düfte sind eng mit Erinnerungen verknüpft), und soziale Situationen wie Kochen, Wein- oder Käseverkostung verlieren ihre Tiefe. Studien zeigen erhöhte Raten von Depressionen und reduzierter Lebenszufriedenheit bei Menschen mit Anosmie.

Mit der COVID-19-Pandemie ist die Geruchsstörung schlagartig ins öffentliche Bewusstsein gerückt — sie war eines der charakteristischsten Symptome der Erkrankung und betrifft bis heute Millionen Menschen weltweit in der Post-Covid-Phase. Gleichzeitig kann eine Geruchsstörung das Frühzeichen ernsthafter neurologischer Erkrankungen sein — Morbus Parkinson und Alzheimer-Demenz beginnen oft mit einer schleichenden, jahrelang unerkannten Riechminderung.

2. Wie funktioniert der Geruchssinn?

Der Geruchssinn ist neuroanatomisch faszinierend: Im oberen Bereich der Nasenhöhle, am sogenannten Riechepithel, sitzen etwa 350 verschiedene Geruchsrezeptoren — eine viel grössere Vielfalt als beim Geschmackssinn mit seinen nur 5 Grundqualitäten. Diese Rezeptoren erkennen unterschiedliche Duftmoleküle und senden die Information über den Nervus olfactorius (I. Hirnnerv) direkt zum Gehirn — ohne den 'Umweg' über andere Hirnstrukturen, den die meisten anderen Sinne nehmen.

Diese direkte Verbindung zum limbischen System erklärt, warum Gerüche so stark mit Emotionen und Erinnerungen verknüpft sind — der Duft eines Parfüms oder einer alten Schultafel kann ganze Erlebniswelten wachrufen. Gleichzeitig macht die Anatomie den Geruchssinn anfällig: das dünne Riechepithel hat direkten Kontakt zur Aussenwelt und ist Schadstoffen, Viren, Bakterien und Verletzungen ungeschützt ausgesetzt.

Wichtig zu verstehen: Wir riechen über zwei Wegeorthonasal beim aktiven Einatmen durch die Nase und retronasal beim Essen, wenn Duftstoffe vom Mund-Rachenraum aufsteigen. Letzteres macht etwa 80 Prozent dessen aus, was wir als 'Geschmack' empfinden — daher die enge Verbindung zu Geschmacksstörungen. Wer nicht mehr richtig riecht, schmeckt automatisch weniger.

3. Formen der Geruchsstörung

Die HNO-Heilkunde unterscheidet klar definierte Formen, die diagnostisch und therapeutisch relevant sind:

  • Anosmie: vollständiger Verlust des Geruchssinns — nichts mehr riechen können
  • Hyposmie: verminderte Geruchswahrnehmung — die häufigste Form, oft schleichend einsetzend
  • Hyperosmie: erhöhte Geruchsempfindlichkeit — selten, bei Schwangerschaft, Migräne oder bestimmten neurologischen Erkrankungen
  • Parosmie: verzerrte Geruchswahrnehmung — bekannte Düfte werden falsch oder unangenehm wahrgenommen (Kaffee riecht nach Benzin)
  • Phantosmie: Geruchswahrnehmung ohne äusseren Reiz — meist unangenehme Düfte (verbrannt, faul, chemisch) ohne Quelle
  • Kakosmie: alles oder fast alles riecht unangenehm — Sonderform der Parosmie
  • Spezifische Anosmie: Verlust nur einzelner Duftqualitäten — z. B. die genetische Unfähigkeit, Schweissgeruch (Androstenon) zu riechen

Klinisch besonders belastend sind Parosmie und Phantosmie — die durch SARS-CoV-2 deutlich häufiger geworden sind. Patienten berichten teilweise jahrelang von unerträglichen Geruchsverzerrungen, die jedes Essen zur Qual machen können. Diese Formen sind oft schwieriger zu behandeln als die einfache Anosmie.

4. Post-Covid: die häufigste Ursache der letzten Jahre

SARS-CoV-2 infiziert die Stützzellen der Riechschleimhaut und führt bei einem grossen Teil der Erkrankten zu einer akuten Geruchsstörung. Je nach Virusvariante betrifft das 30 bis 80 Prozent aller COVID-19-Patienten — und damit Millionen Menschen weltweit.

Akuter Verlauf: Der Geruchsverlust tritt typischerweise in den ersten Tagen nach Symptombeginn auf, oft als isoliertes Frühsymptom ohne weitere Beschwerden. Die meisten Betroffenen erholen sich innerhalb von 1 bis 4 Wochen vollständig. Bei einem relevanten Anteil — etwa 5 bis 10 Prozent — persistieren die Beschwerden jedoch länger als 6 Monate.

Post-Covid-Phase: Charakteristisch sind hier nicht selten Parosmien und Phantosmien — Kaffee riecht plötzlich nach Benzin, Fleisch nach Verwesung, Zwiebeln nach Chemie. Diese Verzerrungen können quälend sein und das Essen ruinieren. Sie sind ein Zeichen dafür, dass die Geruchsneurone sich regenerieren — aber zunächst noch fehlerhaft 'verschaltet' sind. Die Geduld ist hier entscheidend: Studien zeigen, dass auch nach 1 bis 2 Jahren noch deutliche Verbesserungen möglich sind.

Therapie der Post-Covid-Anosmie: Wirksam belegt ist vor allem das olfaktorische Training (siehe eigenes Kapitel weiter unten). Bei nachgewiesenem Zinkmangel kann eine Substitution sinnvoll sein. Steroide (oral oder als Nasenspray) haben in Studien einen begrenzten Effekt gezeigt — nur bei klarem Sinusitis-Anteil empfohlen. Eine spezialisierte Riechsprechstunde kann individuelle Therapieoptionen anbieten, z. B. Plasma-Injektionen oder lokale Pentoxifyllin-Anwendungen — beides Off-Label.

5. Chronische Sinusitis und Nasenpolypen

Die zweithäufigste Ursache nach postviralen Riechstörungen — vor allem die chronische Rhinosinusitis mit Nasenpolypen (CRSwNP). Polypen sind gutartige, traubenartige Schleimhautwucherungen in der Nasenhöhle, die mechanisch den Zugang der Duftstoffe zum Riechepithel blockieren. Etwa 4 Prozent der Bevölkerung sind betroffen — Männer doppelt so häufig wie Frauen. Häufige Assoziationen: Asthma bronchiale, ASS-Intoleranz (Samter-Trias), eosinophile Entzündungen.

Symptome: Schleichender oder fluktuierender Geruchsverlust, behinderte Nasenatmung, Druckgefühl im Gesicht, postnasaler Schleimfluss, Räusperzwang, häufige Sinusitiden. Die Diagnose erfolgt durch HNO-ärztliche Nasenendoskopie und CT der Nasennebenhöhlen.

Therapie: Hochwirksame Kortisonsprays als First-Line-Therapie, Nasenspülungen mit isotonischer oder hypertoner Salzlösung, bei ausgeprägten Polypen operative Entfernung (FESS — funktionelle endoskopische Nasennebenhöhlenchirurgie). Bei schwerer eosinophiler CRSwNP gibt es seit einigen Jahren Biologika (Dupilumab, Mepolizumab, Omalizumab) — sie zeigen sehr gute Wirkung auf Geruchssinn und Polypengrösse.

6. Schädel-Hirn-Trauma als Ursache

Verkehrsunfälle, Stürze, Sportverletzungen — überall dort, wo es zu einem Schädel-Hirn-Trauma kommt, können die feinen Geruchsfasern, die durch die Siebbeinplatte vom Riechepithel zum Riechkolben ziehen, abreissen. Schon Bagatelltraumata mit leichter Bewusstlosigkeit können zu einer Anosmie führen — manchmal direkt bemerkt, manchmal erst Tage bis Wochen später.

Prognose: Posttraumatische Geruchsstörungen erholen sich langsamer als postvirale — innerhalb von 1 bis 2 Jahren ist eine Teilerholung möglich, aber etwa die Hälfte der Betroffenen behält eine relevante Restanosmie. Olfaktorisches Training kann auch hier hilfreich sein.

Forensische Bedeutung: Eine traumatisch bedingte Anosmie ist für Berufe mit erforderlichem Geruchssinn (Köche, Sommeliers, Parfümeure, Feuerwehrleute, Lebensmittelchemiker) eine bedeutsame Beeinträchtigung und kann versicherungsrechtlich relevant sein. Eine objektive Riechprüfung durch einen HNO-Arzt ist hier wichtig.

7. Geruchsstörung als Parkinson-Frühzeichen

Etwa 90 Prozent aller Menschen mit Morbus Parkinson haben eine relevante Geruchsstörung — oft schon Jahre, manchmal Jahrzehnte vor den ersten motorischen Symptomen (Ruhetremor, Bradykinese, Rigor). Die Riechstörung gehört zu den frühesten neuropathologischen Veränderungen — schon im Riechkolben und in benachbarten Hirnregionen finden sich Lewy-Körperchen, die typischen Eiweissablagerungen der Parkinson-Erkrankung.

Klinische Bedeutung: Eine isolierte Anosmie ohne Sinusitis, ohne vorausgegangenes Trauma und ohne sonstige Erklärung — vor allem im mittleren oder höheren Erwachsenenalter — sollte den Verdacht auf eine prodromale Parkinson-Erkrankung lenken. Weitere Frühzeichen sind: REM-Schlafverhaltensstörung mit ausgeprägt aktivem Träumen, Verstopfung, Stimmungsschwankungen und Depressionen, leichte kognitive Veränderungen, vermehrtes Schwitzen.

Was tun: Eine isolierte Anosmie allein rechtfertigt keine Parkinson-Diagnose — sie ist zu unspezifisch. Bei gehäuften prodromalen Zeichen kann eine neurologische Vorstellung mit gezielter Untersuchung (motorischer Test, ggf. DAT-SPECT) sinnvoll sein. Aktuell gibt es keine etablierte präventive Therapie, aber Lebensstilfaktoren (Bewegung, gesunde Ernährung, soziale Aktivität) gelten als protektiv. Mehr unter Zittern.

8. Alzheimer-Demenz und andere neurodegenerative Erkrankungen

Auch bei Alzheimer-Demenz geht eine Riechstörung den klinischen Symptomen oft um Jahre voraus. Die Schädigung beginnt nahe der Riechrinde, die zu den frühesten betroffenen Hirnregionen gehört. Studien zeigen, dass eine ausgeprägte Anosmie das Risiko für eine spätere Demenz deutlich erhöht — sie ist allerdings zu unspezifisch, um als alleiniges Screening-Werkzeug zu dienen.

Weitere neurologische Ursachen: Multiple Sklerose (in Schüben), Schlaganfälle in bestimmten Regionen, Hirntumore (vor allem Meningeome im vorderen Schädelbereich), Epilepsie (in seltenen Fällen mit olfaktorischer Aura). Eine MRT-Untersuchung ist bei unklarer einseitiger oder neurologisch verdächtiger Geruchsstörung sinnvoll.

9. Medikamente und toxische Ursachen

Auch Medikamente und Umweltgifte können den Geruchssinn beeinträchtigen — meist reversibel nach Absetzen oder Exposition:

  • Antibiotika: Ampicillin, Tetracykline, Makrolide (Clarithromycin)
  • Antihypertensiva: ACE-Hemmer (Captopril, Enalapril), Calciumantagonisten (Nifedipin, Amlodipin)
  • Lipidsenker: Statine — selten, aber beschrieben
  • Antithyroidale Medikamente: Carbimazol, Thiamazol — bei bis zu 25 Prozent der Anwender
  • Chemotherapeutika und Strahlentherapie im Kopf-Hals-Bereich — häufig, oft langwierig
  • Lokal: dekongestive Nasensprays (Xylometazolin, Oxymetazolin) bei chronischer Anwendung — können das Riechepithel schädigen (Rhinitis medicamentosa)
  • Intranasale Zink-Sprays — wurden in den USA wegen Anosmie-Risiko vom Markt genommen
  • Toxische Ursachen: Lösungsmittel (Toluol, Benzol), Schwermetalle (Cadmium, Quecksilber), Pestizide, Tabakrauch
  • Alkohol in chronisch hohen Mengen
  • Kokain intranasal — schädigt direkt das Riechepithel

Wichtig: Bei Verdacht auf medikamentenbedingte Geruchsstörung ärztliche Rücksprache vor dem Absetzen. Bei beruflicher Exposition (Maler, Lackierer, Chemiearbeiter) auf adäquaten Atemschutz achten. Mehr: Wechselwirkungen von Medikamenten.

10. Angeborene Anosmie (Kallmann-Syndrom)

Etwa 1 von 10.000 Menschen wird mit einem nicht funktionsfähigen Geruchssinn geboren. Das isolierte angeborene Anosmie ist meist genetisch bedingt und betrifft den Geruchssinn ohne weitere Symptome. Eine besondere Form ist das Kallmann-Syndrom — eine genetische Erkrankung, bei der gleichzeitig die Reifung der Hypophyse und damit die Pubertät beeinträchtigt ist (verzögerte oder fehlende Pubertät, Unfruchtbarkeit, manchmal weitere Anomalien).

Diagnose: Anosmie seit Geburt (oder erinnerlich seit der Kindheit), oft mit kleinem oder fehlendem Riechkolben im MRT. Beim Kallmann-Syndrom typischerweise erniedrigte Geschlechtshormone (LH, FSH, Östradiol/Testosteron). Eine humangenetische Beratung kann sinnvoll sein.

Therapie: Eine kausale Therapie der angeborenen Anosmie existiert nicht. Beim Kallmann-Syndrom ist die Hormonsubstitution etabliert und ermöglicht normale Pubertätsentwicklung und in vielen Fällen auch Fruchtbarkeit. Die Anosmie selbst bleibt meist bestehen, ist aber durch Anpassung und Sicherheitsvorkehrungen gut zu kompensieren.

11. Sicherheitsrisiken bei Riechstörungen

Menschen mit Anosmie sind im Alltag mehreren ernsten Gefahren ausgesetzt, die oft übersehen werden — die Aufklärung darüber gehört zur ärztlichen Pflicht:

  • Brände und Rauch werden nicht bemerkt — besonders gefährlich nachts. Lösung: Rauchmelder in allen Räumen und im Schlafzimmer
  • Gasleck wird nicht gerochen — Lösung: Gasmelder in der Küche und in Räumen mit Gasgeräten, regelmässige Wartung
  • Verdorbene Lebensmittel werden nicht erkannt — Lösung: strikte Beachtung von Mindesthaltbarkeit, frühzeitiges Entsorgen, ggf. Familienangehörige um Geruchsprüfung bitten
  • Eigene Körperhygiene kann ungemerkt vernachlässigt werden — Lösung: feste Routinen, ggf. Rückmeldung von Vertrauenspersonen
  • Anbrennende Speisen beim Kochen — Lösung: Timer benutzen, beim Backen Sichtkontrolle, Herdwächter installieren
  • Schimmel in Räumen wird nicht bemerkt — Lösung: regelmässige Sichtkontrolle in feuchten Räumen, Luftfeuchtigkeitsmesser
Diese Punkte werden in der Sprechstunde oft vergessen — sind aber für die Sicherheit von Menschen mit Anosmie zentral. Wer mit Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen lebt, trägt zusätzlich Verantwortung und sollte besonders sorgfältige Vorkehrungen treffen.

12. Wann zum Arzt? (Warnzeichen)

Zeitnah HNO-ärztlich abklären lassen, wenn:

  • Die Geruchsstörung länger als 4 Wochen anhält
  • Sie nach einem Atemwegsinfekt nicht zurückkommt
  • Sie plötzlich neu auftritt ohne erkennbare Ursache
  • Sie einseitig ist oder asymmetrisch wahrgenommen wird
  • Begleitsymptome wie Kopfschmerzen, Nasenbluten, behinderte Nasenatmung, postnasaler Schleimfluss bestehen
  • Neurologische Begleitsymptome auftreten (Sehstörungen, Sprachstörungen, Schwäche, Ungleichgewicht)
  • Ausgeprägte Parosmien oder Phantosmien mit Belastung
  • Verdacht auf medikamentöse oder toxische Ursache
  • Erhebliche Beeinträchtigung der Lebensqualität, Mangelernährung, Sicherheitsängste
Sofort ärztliche Hilfe bei plötzlich auftretender Geruchsstörung in Kombination mit Sprach-, Lähmungs- oder Sensibilitätsstörung, starken Kopfschmerzen, Bewusstseinsveränderung oder Sehstörung — Verdacht auf Schlaganfall oder andere akute neurologische Erkrankung.

13. Diagnostik: was der HNO-Arzt macht

Die HNO-ärztliche Riech-Diagnostik folgt einem strukturierten Vorgehen:

  • Anamnese: Beginn, Verlauf, akut vs. schleichend, Infekte, Trauma, Medikamente, berufliche Exposition, neurologische Symptome
  • Klinische HNO-Untersuchung: Nasenendoskopie zur Beurteilung von Schleimhaut, Polypen, Tumoren, Septumdeviation
  • Riechtests (Olfaktometrie): Sniffin' Sticks als Goldstandard — Testung von Schwellenwert, Diskriminierung und Identifikation; ergibt einen Gesamtscore (TDI-Score), der den Schweregrad objektiviert
  • Geschmackstest als parallele Beurteilung, da Geruch und Geschmack klinisch verflochten sind
  • Bildgebung: CT der Nasennebenhöhlen bei Verdacht auf Sinusitis/Polypen, MRT des Schädels bei Verdacht auf Tumor oder neurologische Ursache (immer empfohlen bei plötzlicher unklarer Anosmie!)
  • Basislabor: Blutbild, Entzündungswerte, TSH, Zink, Vitamin B12 — bei jungen Patienten ggf. Hormonstatus (Kallmann?)
  • Allergiediagnostik bei Verdacht auf allergische Komponente: Prick-Test, spezifisches IgE
  • Spezielle Verfahren in Universitätszentren: olfaktorisch evozierte Potenziale, MRT-Volumetrie des Riechkolbens

Mehr: Arzttermin vorbereiten, Blutwerte verstehen.

14. Olfaktorisches Training: die wichtigste Therapie

Das olfaktorische Training ist die am besten evidenzbasierte und gleichzeitig nebenwirkungsfreie Therapie bei postviralen Riechstörungen, Post-Covid-Anosmie und auch bei traumatischen oder idiopathischen Formen. Das Prinzip: regelmässige gezielte Stimulation der Riechschleimhaut fördert die Regeneration und Neuverknüpfung der Riechneurone.

Wie geht das olfaktorisches Training konkret:

  • 4 verschiedene Düfte in kleinen Gläschen — klassisch nach Hummel: Rose, Eukalyptus, Zitrone, Nelke. Alternativen sind möglich: jeder beliebige starke Duft (Kaffee, Vanille, Pfefferminze, Lavendel)
  • 2x täglich trainieren — morgens und abends, jeweils 20–30 Sekunden pro Duft
  • Aktiv riechen: bewusst kurz und kräftig schnuppern, dann ausatmen, kurze Pause, weiter zum nächsten Duft
  • Konzentration: sich an den Duft erinnern, ihn beim Riechen 'visualisieren' — das hilft den neuronalen Verknüpfungen
  • Dauer: mindestens 12 Wochen, idealerweise 6 Monate oder länger — Geduld ist entscheidend
  • Düfte regelmässig wechseln: alle 12 Wochen 4 neue Düfte, um verschiedene Rezeptoren zu stimulieren
  • Frische Düfte: die Aroma-Öle alle 3–6 Monate ersetzen — alte Öle verlieren ihre Wirksamkeit

Erste Verbesserungen sind oft erst nach 4 bis 12 Wochen spürbar — vorzeitig aufgeben mindert die Erfolgsaussicht. In Studien profitieren etwa 30 bis 60 Prozent der Trainierenden signifikant, manche erholen sich fast vollständig. Auch wenn keine vollständige Wiederherstellung eintritt, verbessern sich oft die Parosmien — und damit die Lebensqualität.

15. Weitere Therapieoptionen

Topische und systemische Steroide

Bei nachgewiesener entzündlicher Komponente (chronische Sinusitis, Nasenpolypen) sind intranasale Kortisonsprays (Mometason, Fluticason, Beclometason) sehr wirksam und sicher in der Langzeitanwendung. Bei akuten Schüben können kurzzeitige systemische Steroide (Prednisolon-Stosstherapie über 1–2 Wochen) erwogen werden. Bei reiner postviraler Riechstörung ohne Sinusitis ist der Effekt geringer.

Biologika bei CRSwNP

Bei schwerer eosinophiler chronischer Rhinosinusitis mit Nasenpolypen sind Dupilumab, Mepolizumab und Omalizumab sehr wirksam — sie reduzieren Polypengrösse und verbessern den Geruchssinn deutlich. Indikation in spezialisierter HNO-Sprechstunde, oft in Verbindung mit asthmatologischer Mitbeurteilung.

Operative Therapie

Bei Polypen, ausgeprägter Septumdeviation oder anatomischen Engstellen ist die funktionelle endoskopische Nasennebenhöhlenchirurgie (FESS) etabliert. Sie schafft Belüftung und Drainage und kann den Geruchssinn deutlich verbessern. Bei reinen postviralen oder traumatischen Anosmien bringt eine Operation dagegen keinen Vorteil.

Zink, Vitamin A und experimentelle Verfahren

Bei nachgewiesenem Zinkmangel ist die Substitution sinnvoll. Vitamin A lokal in die Nase appliziert hat in kleinen Studien Hinweise auf Wirksamkeit gezeigt — Evidenz noch begrenzt. Plasma-Injektionen (PRP) ins Riechepithel und lokale Pentoxifyllin-Anwendung werden in spezialisierten Zentren erforscht. Patienten mit therapieresistenter Anosmie können sich an universitäre Riechsprechstunden wenden.

16. Was du selbst tun kannst

  • Olfaktorisches Training konsequent durchführen — 2x täglich, mindestens 12 Wochen, idealerweise 6 Monate
  • Rauchen aufhören — Tabakrauch schädigt das Riechepithel und ist ein modifizierbarer Risikofaktor
  • Beruflichen Atemschutz ernst nehmen bei Exposition gegenüber Lösungsmitteln, Lacken oder Pestiziden
  • Sicherheitsmassnahmen umsetzen: Rauchmelder, Gasmelder, regelmässige Sichtkontrollen der Lebensmittel, Herdwächter
  • Ernährungsgewohnheiten anpassen: geschmacks- und texturreiche Lebensmittel bevorzugen — Kräuter, Gewürze, kontrastreiche Texturen kompensieren den Verlust
  • Mahlzeiten visuell ansprechend gestalten — das Auge isst mit, wenn die Nase es nicht mehr kann
  • Geduld und Realismus: Heilung kann Monate bis Jahre dauern, ist aber oft möglich
  • Soziale Unterstützung suchen: Selbsthilfegruppen, Online-Communities (z. B. AbScent-Initiative aus UK)
  • Bei psychischer Belastung: ärztliche oder psychotherapeutische Unterstützung — Depressionen treten gehäuft auf
  • Geruchstagebuch führen — kleinste Verbesserungen dokumentieren, motiviert für das fortgesetzte Training

So hilft brite dir bei Geruchsstörungen

brite unterstützt dich dabei, Geruchsstörung (Anosmie) besser einzuordnen und den Überblick über deine Medikamente zu behalten.

  • Einnahme-Erinnerung — Kortisonsprays, Zink, Biologika oder verordnete Medikamente regelmässig anwenden: brite erinnert pünktlich. Erinnerung einrichten
  • Wechselwirkungs-Check — Geruchsstörung als Medikamenten-Nebenwirkung erkennen und Kombinationen kostenlos prüfen — besonders bei ACE-Hemmern, Antibiotika und Schilddrüsenmedikamenten. Jetzt prüfen
  • Gesundheitsverlauf — Geruchstagebuch mit Verlauf, Trainingsfortschritt und Begleitsymptomen über die Zeit dokumentieren.
  • Trainings-Erinnerung — olfaktorisches Training 2x täglich nicht vergessen: brite hilft mit Pünktlichkeit.
  • Digitaler Medikationsplan — alle Medikamente übersichtlich für Hausarzt, HNO-Arzt, Neurologie und Apotheke. Zum Medikationsplan
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FAQ: Häufige Fragen

Die häufigsten Ursachen sind: postvirale Riechstörungen (besonders nach Erkältungen und COVID-19), chronische Nasennebenhöhlenentzündung mit Polypen, Schädel-Hirn-Trauma nach Unfällen, neurodegenerative Erkrankungen (Parkinson, Alzheimer als Frühzeichen), Medikamente und Umweltgifte, angeborene Anosmie. Bei Persistenz über 4 Wochen oder unklarer Ursache sollte HNO-ärztlich abgeklärt werden.
Die meisten Betroffenen erholen sich innerhalb von 1 bis 4 Wochen vollständig. Bei etwa 5 bis 10 Prozent persistieren die Beschwerden länger als 6 Monate — manchmal mit verzerrten Gerüchen (Parosmie). Olfaktorisches Training über mindestens 12 Wochen, Geduld und realistische Erwartungen sind die wichtigsten Bausteine. Auch nach 1 bis 2 Jahren sind noch deutliche Verbesserungen möglich.
Parosmie bedeutet, dass bekannte Düfte verzerrt oder falsch wahrgenommen werden — Kaffee riecht nach Benzin, Fleisch nach Verwesung, Zwiebeln nach Chemie. Sie tritt besonders häufig nach COVID-19 auf und ist ein Zeichen der Regeneration der Riechneurone, die zunächst noch fehlerhaft 'verschaltet' sind. Mit der Zeit normalisiert sich die Wahrnehmung meist wieder — oft über viele Monate. Olfaktorisches Training kann den Prozess unterstützen.
Ja — das olfaktorische Training ist die am besten evidenzbasierte Therapie bei postviralen Riechstörungen, Post-Covid und vielen anderen Ursachen. Etwa 30 bis 60 Prozent der Trainierenden profitieren signifikant, manche erholen sich fast vollständig. Wichtig: konsequent 2x täglich über mindestens 12 Wochen, mit 4 verschiedenen Düften, idealerweise 6 Monate oder länger. Wechsel der Düfte alle 12 Wochen erhöht den Trainingseffekt.
Klassisch nach Hummel: Rose, Eukalyptus, Zitrone und Nelke — 4 verschiedene Aroma-Kategorien mit unterschiedlichen Rezeptorprofilen. Alternativ funktionieren auch: Kaffee, Vanille, Pfefferminze, Lavendel, Zimt, Schokolade. Wichtig: starke, eindeutige Düfte; gute Qualität (ätherische Öle oder Aromaöle aus der Apotheke); alle 3–6 Monate erneuern, da alte Öle ihre Wirksamkeit verlieren.
Ja — etwa 90 Prozent aller Menschen mit Morbus Parkinson haben eine Geruchsstörung, oft Jahre oder Jahrzehnte vor den motorischen Symptomen. Auch bei Alzheimer-Demenz ist die Riechminderung ein frühes Zeichen. Eine isolierte Anosmie ohne andere Ursachen — vor allem im mittleren oder höheren Alter — rechtfertigt aber noch keine Diagnose. Bei gehäuften prodromalen Zeichen (REM-Schlafverhaltensstörung, Verstopfung, Depression) ist eine neurologische Vorstellung sinnvoll.
Häufige Verursacher: ACE-Hemmer (Captopril, Enalapril), Calciumantagonisten (Amlodipin), Antibiotika (Clarithromycin, Tetracykline), Schilddrüsenmedikamente (Carbimazol, Thiamazol — bis 25 Prozent), Chemotherapeutika, Strahlentherapie im Kopf-Hals-Bereich, dekongestive Nasensprays bei chronischer Anwendung, intranasale Zinkpräparate. Bei Verdacht ärztlich besprechen — nicht eigenmächtig absetzen.
Phantosmien — unangenehme Gerüche ohne reale Quelle — können sehr belastend sein. In der akuten Phase helfen kurze Geruchsdurchspülungen mit konzentrierten Düften (Eukalyptus, Pfefferminze), die das System 'überschreiben'. Langfristig ist das olfaktorische Training wichtig. Bei ausgeprägter Belastung können in spezialisierten Sprechstunden Gabapentin, lokale Anästhetika oder topische Lösungen erwogen werden — Off-Label.
Drei zentrale Bereiche: Rauchmelder in allen Wohnräumen (besonders im Schlafzimmer) — Brände werden sonst nicht bemerkt; Gasmelder bei Gasheizung oder Gasherd; und striktes Lebensmittelmanagement mit Beachtung des Verfallsdatums, frühzeitigem Entsorgen und ggf. Geruchsprüfung durch Familienangehörige. Zusätzlich sinnvoll: Herdwächter, Timer beim Kochen, regelmässige Sichtkontrolle in feuchten Räumen auf Schimmel.

Quellen

  1. S2k-Leitlinie Riech- und Schmeckstörungen (AWMF 017-050). — https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/017-050.html
  2. Robert Koch-Institut — COVID-19: Riech- und Schmeckstörungen. — https://www.rki.de/
  3. IQWiG — gesundheitsinformation.de: Riech- und Schmeckstörungen. — https://www.gesundheitsinformation.de/
  4. S3-Leitlinie Idiopathisches Parkinson-Syndrom (AWMF 030-010). — https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/030-010.html
  5. Deutsche Gesellschaft für HNO-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie (DGHNO). — https://www.hno.org/
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Therapie. Bei Geruchsstörungen über 4 Wochen, einseitiger Ausprägung, neurologischen Begleitsymptomen oder ausgeprägter Belastung sollte eine HNO-ärztliche Abklärung erfolgen. Bei plötzlicher Geruchsstörung mit Sprach-, Lähmungs- oder Sensibilitätsstörung sofort 112 — Verdacht auf Schlaganfall. Wichtig: bei Anosmie auf Sicherheitsmassnahmen (Rauchmelder, Gasmelder, Lebensmittelmanagement) achten.