Fibromyalgie: Symptome, Diagnose
und multimodale Behandlung

Auf einen Blick

HäufigkeitBetrifft nach Schätzungen mehrere Prozent der Bevölkerung - Frauen sind deutlich häufiger betroffen als Männer
KernsymptomeChronische Schmerzen in mehreren Körperregionen, Müdigkeit (Fatigue), Schlafstörungen, kognitive Einschränkungen (Fibro-Fog)
DiagnoseKlinische Diagnose - kein Laborwert und keine Bildgebung kann Fibromyalgie beweisen oder ausschließen
TherapieBewegung, Psychotherapie (KVT), Medikamente nur ergänzend - multimodaler Ansatz empfohlen
LeitlinieS3-Leitlinie Fibromyalgiesyndrom (AWMF 145-004, derzeit in Überarbeitung)
ICD-10M79.7 (Fibromyalgie)

1. Was ist Fibromyalgie?

Fibromyalgie (Fibromyalgiesyndrom, FMS) ist eine chronische Schmerzerkrankung, bei der Betroffene unter weit verbreiteten Schmerzen in mehreren Körperregionen leiden - häufig begleitet von ausgeprägter Müdigkeit, Schlafstörungen und kognitiven Einschränkungen. Es handelt sich nicht um eine entzündliche oder degenerative Erkrankung der Gelenke oder Muskeln.¹

Fibromyalgie wird nach aktuellem Wissensstand als Störung der zentralen Schmerzverarbeitung verstanden: Das Nervensystem reagiert überempfindlich auf Schmerzreize (zentrale Sensibilisierung). Die Erkrankung ist real, messbar und keine Einbildung - auch wenn sie in der Vergangenheit häufig nicht ernst genommen wurde.¹˒²

Nicht heilbar - aber gut behandelbar Die Erkrankung ist nicht heilbar, aber gut behandelbar. Die S3-Leitlinie empfiehlt einen multimodalen Therapieansatz mit Bewegung als Kernbaustein.¹

2. Symptome

Kernsymptome

  • Chronische Schmerzen in mehreren Körperregionen - oft wechselnd in Intensität und Lokalisation; Betroffene beschreiben die Schmerzen häufig als tief, brennend, bohrend oder ziehend
  • Müdigkeit und Erschöpfung (Fatigue) - oft das am stärksten belastende Symptom; Schlaf bringt häufig keine Erholung
  • Schlafstörungen - nicht-erholsamer Schlaf, Durchschlafprobleme
  • Kognitive Einschränkungen (Fibro-Fog) - Konzentrations- und Gedächtnisprobleme

Häufige Begleitsymptome

  • Morgensteifigkeit
  • Kopfschmerzen und Migräne
  • Reizdarmsyndrom - Blähungen, Bauchschmerzen, Stuhlunregelmäßigkeiten
  • Reizblase
  • Missempfindungen (Kribbeln, Taubheitsgefühl)
  • Überempfindlichkeit gegenüber Kälte, Lärm, Licht oder Gerüchen
  • Angst und Depression - häufige Komorbiditäten

3. Ursachen

Die genaue Ursache der Fibromyalgie ist nach aktuellem Wissensstand nicht vollständig geklärt. Es wird ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren angenommen.¹

  • Zentrale Sensibilisierung: Das Nervensystem verarbeitet Schmerzreize verstärkt - die Schmerzschwelle ist herabgesetzt. Dies ist nach aktuellem Wissensstand der zentrale Mechanismus.
  • Genetik: Familiäre Häufung ist bekannt. Genetische Faktoren beeinflussen die Schmerzverarbeitung.
  • Stress und Trauma: Chronischer Stress, psychische Belastungen und traumatische Erlebnisse können die Entstehung begünstigen.
  • Schlafstörungen: Nicht-erholsamer Schlaf kann sowohl Ursache als auch Folge sein - ein Teufelskreis.
  • Bewegungsmangel: Körperliche Inaktivität kann die Schmerzempfindlichkeit erhöhen.
Nicht die Ursache Fibromyalgie ist keine entzündliche Erkrankung, keine Autoimmunerkrankung und keine psychische Erkrankung - auch wenn psychische Komorbiditäten häufig sind.

4. Diagnose

Die Diagnose der Fibromyalgie ist eine klinische Diagnose - es gibt keinen Laborwert und keine Bildgebung, die Fibromyalgie beweisen oder ausschließen kann.¹

  • Symptombasierte Diagnose: Chronische Schmerzen in mehreren Körperregionen über mindestens drei Monate, begleitet von Müdigkeit und/oder Schlafstörungen und/oder kognitiven Einschränkungen.
  • Standardisierte Kriterien: Die aktuellen ACR-Kriterien (2010/2011) verwenden den Widespread Pain Index (WPI) und den Symptom Severity Score (SSS) - die früheren Tender Points sind nicht mehr zwingend erforderlich.
  • Ausschlussdiagnostik: Andere Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen müssen ausgeschlossen werden: entzündlich-rheumatische Erkrankungen, Schilddrüsenerkrankungen, Vitamin-D-Mangel, Eisenmangel und andere. Basislabor (Blutbild, CRP, BSG, TSH, Vitamin D) wird in der Regel empfohlen.
  • Komorbiditäten erfassen: Depression, Angststörungen, Schlafstörungen, Reizdarmsyndrom - müssen mitbehandelt werden.

Mehr: Arzttermin vorbereiten.

Wenn die Symptome passen, sollte die Diagnose gestellt werden Die Diagnose Fibromyalgie dauert häufig Jahre. Viele Betroffene fühlen sich nicht ernst genommen. Wenn die Symptome passen und andere Ursachen ausgeschlossen sind, sollte die Diagnose gestellt und eine gezielte Therapie eingeleitet werden - auch wenn die Laborwerte unauffällig sind.

5. Therapie: was hilft

Die S3-Leitlinie empfiehlt einen multimodalen Therapieansatz. Bewegung ist der Kernbaustein.¹

Kernbaustein Bewegung
Ausdauertraining
Regelmäßiges moderates Ausdauertraining (Gehen, Schwimmen, Radfahren, Aquagymnastik) ist die am besten untersuchte und wirksamste Einzelmaßnahme bei Fibromyalgie. Empfehlung: mindestens zwei bis drei Mal pro Woche. Langsam beginnen, schrittweise steigern.¹
Krafttraining
Moderates Krafttraining kann Schmerzen und Funktionsfähigkeit verbessern.
Empfohlen Psychologische Therapie
KVT (Kognitive Verhaltenstherapie)
Kann die Schmerzbewältigung, Funktionsfähigkeit und Lebensqualität verbessern. Wird von der Leitlinie empfohlen.¹
Bei schwerem Verlauf Multimodale Schmerztherapie
Interdisziplinäres Setting
Kombination aus Bewegung, Psychotherapie, Entspannung und ggf. Medikamenten in einem interdisziplinären Setting. Wird bei schwerem Verlauf empfohlen.
Ergänzend Entspannungsverfahren
Progressive Muskelentspannung, Yoga, Tai Chi, Qi Gong
Können Schmerzen und Wohlbefinden verbessern.
Ergänzend Medikamente

Es gibt kein Medikament, das speziell für Fibromyalgie zugelassen ist.

Amitriptylin (niedrig dosiert), Duloxetin
Können bei starken Schmerzen und/oder begleitender Depression erwogen werden. NSAR und Opioide werden bei Fibromyalgie in der Regel NICHT empfohlen.¹
Grundlage Patientenedukation
Information über die Erkrankung
Information über die Erkrankung, ihre Mechanismen und die Therapiemöglichkeiten ist ein wichtiger Baustein.

6. Therapie: was NICHT empfohlen wird

Die Leitlinie listet ausdrücklich Therapien auf, die bei Fibromyalgie nicht empfohlen werden.¹

  • Opioide - nicht wirksam bei Fibromyalgie und mit erheblichen Risiken verbunden
  • NSAR (z. B. Ibuprofen) als Dauermedikation - nicht wirksam bei Fibromyalgie
  • Kortison - nicht wirksam, da keine Entzündung vorliegt
  • Operative Eingriffe an der Wirbelsäule oder an Gelenken wegen Fibromyalgie-Schmerzen
  • Rein passive Therapien als alleinige Maßnahme (Massage, Akupunktur, Magnetfeldtherapie)

7. Alltag mit Fibromyalgie

  • Bewegung: Der wichtigste Baustein. Regelmäßig, moderat, alltagstauglich. Es muss nicht perfekt sein - jede Bewegung zählt.
  • Pacing: Aktivitäten und Ruhephasen bewusst planen. Nicht an guten Tagen übertreiben, nicht an schlechten Tagen aufgeben. Gleichmäßigkeit ist wichtiger als Maximalleistung.
  • Schlaf: Schlafhygiene verbessern. Mehr: Schlafstörungen.
  • Selbsthilfe: Die Deutsche Fibromyalgie Vereinigung (DFV) e. V. und die Deutsche Rheuma-Liga bieten Beratung und Selbsthilfegruppen.
  • Psychische Gesundheit: Angst, Depression und Frustration sind bei Fibromyalgie häufig. Psychotherapie oder psychologische Beratung kann helfen - das bedeutet nicht, dass die Schmerzen eingebildet sind.

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FAQ: Häufige Fragen zur Fibromyalgie

Ja. Fibromyalgie ist eine anerkannte Erkrankung mit der eigenen ICD-10-Diagnose M79.7. Die zentrale Schmerzverarbeitung ist bei Betroffenen nachweisbar verändert. Fibromyalgie ist keine Einbildung und kein rein psychisches Problem.¹
Nach aktuellem Wissensstand nicht. Fibromyalgie ist eine chronische Erkrankung. Mit multimodaler Therapie (Bewegung, KVT, ggf. Medikamente) können die Symptome aber bei vielen Betroffenen erheblich verbessert werden.¹
NSAR (z. B. Ibuprofen) und Opioide sind bei Fibromyalgie in der Regel nicht wirksam, weil die Schmerzen nicht durch eine Entzündung oder Gewebeschädigung entstehen, sondern durch eine veränderte zentrale Schmerzverarbeitung. Amitriptylin oder Duloxetin können bei bestimmten Betroffenen helfen, wirken aber über andere Mechanismen.¹
Moderates Ausdauertraining (Gehen, Schwimmen, Aquagymnastik, Radfahren) ist die am besten untersuchte Einzelmaßnahme. Wichtig: langsam beginnen und schrittweise steigern. Die beste Sportart ist die, die man regelmäßig und gerne macht.¹
In der Regel Rheumatologie, Schmerzmedizin, Allgemeinmedizin oder Psychosomatik. Bei schwerem Verlauf wird eine multimodale Schmerztherapie in einem spezialisierten Zentrum empfohlen.
Ein umgangssprachlicher Begriff für die kognitiven Einschränkungen bei Fibromyalgie: Konzentrationsschwierigkeiten, Gedächtnisprobleme, geistige Langsamkeit. Fibro-Fog kann den Alltag und die Arbeitsfähigkeit erheblich beeinträchtigen.
Die früheren ACR-Kriterien (1990) verwendeten spezifische Druckpunkte (Tender Points) als Diagnosekriterium. Die aktuellen Kriterien (2010/2011) verwenden stattdessen den Widespread Pain Index und den Symptom Severity Score - die Tender-Point-Untersuchung ist nicht mehr zwingend erforderlich.
Nein. Fibromyalgie ist eine Störung der zentralen Schmerzverarbeitung - keine psychische Erkrankung. Psychische Komorbiditäten (Depression, Angst) sind häufig und können die Symptome verstärken, sind aber nicht die Ursache. Psychotherapie kann trotzdem helfen, die Schmerzbewältigung zu verbessern.

10. Verwandte Themen

Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Therapie. Fibromyalgie-Medikamente sollten nicht eigenmächtig abgesetzt oder dosiert werden. Die Therapieplanung wird immer individuell von der behandelnden Praxis festgelegt.