Tinnitus: Ursachen, Diagnose
& was bei Ohrgeräuschen wirklich hilft
Auf einen Blick
HäufigkeitIn Deutschland erkranken nach Schätzungen jährlich Millionen von Menschen an Tinnitus; bei einem relevanten Anteil wird er chronisch
DefinitionChronischer Tinnitus = Ohrgeräusche, die seit mindestens drei Monaten bestehen und die Betroffenen belasten
Nicht gefährlichTinnitus ist in der Regel kein Zeichen einer gefährlichen Erkrankung — kann aber die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen
TherapieCounselling, KVT, Hörgeräte, Selbsthilfe — keine Medikamente mit nachgewiesener Wirksamkeit gegen chronischen Tinnitus
LeitlinieS3-Leitlinie Chronischer Tinnitus (DGHNO-KHC, AWMF 017-064, aktualisiert 2021)
ICD-10H93.1 (Tinnitus)
1. Was ist Tinnitus?
Tinnitus ist die Wahrnehmung von Geräuschen im Ohr oder im Kopf, ohne dass eine äußere Schallquelle vorhanden ist — Piepen, Pfeifen, Rauschen, Summen oder Klingeln. Fast jeder Mensch erlebt gelegentlich kurzfristigen Tinnitus — das ist normal und in der Regel harmlos.¹
Problematisch wird es, wenn der Tinnitus nicht mehr abklingt. Als chronisch gilt er, wenn er seit mindestens drei Monaten besteht und die Betroffenen belastet. Die Belastung ist sehr individuell — manche Menschen können ihren Tinnitus gut ignorieren, andere leiden erheblich unter Schlafstörungen, Konzentrationsproblemen, Angst oder Depression.¹,²
Tinnitus ist in der Regel kein gefährliches Zeichen
Die große Mehrheit der Fälle ist gutartig. Dennoch sollte eine Abklärung erfolgen, um behandelbare Ursachen auszuschließen.
2. Ursachen
Tinnitus ist ein Symptom, keine eigenständige Krankheit. Die Ursachen sind vielfältig.¹
Schwerhörigkeit
Die häufigste Ursache. Tinnitus tritt fast immer zusammen mit einer Hörminderung auf — auch wenn diese noch nicht bemerkt wurde. Die Tinnitusfrequenz liegt meistens im Bereich des größten Hörverlustes.
Lärmschädigung
Lärmexposition (z. B. Konzerte, Arbeitslärm, Kopfhörer bei hoher Lautstärke) kann sowohl akuten als auch chronischen Tinnitus auslösen.
Hörsturz
Plötzlicher einseitiger Hörverlust, häufig mit Tinnitus verbunden.
Ohrenerkrankungen
Mittelohrentzündung, Ohrenschmalzpfropf, Otosklerose.
Stress und psychische Belastung
Stress verursacht Tinnitus
nicht direkt, kann aber die Wahrnehmung und Belastung erheblich verstärken.
Depression und Angststörungen treten häufig zusammen mit belastendem Tinnitus auf.
Kiefergelenk und Halswirbelsäule
Funktionsstörungen des Kiefergelenks (CMD) oder Verspannungen im Bereich der Halswirbelsäule können Tinnitus auslösen oder verstärken.
Medikamente (ototoxisch)
Bestimmte Medikamente können Tinnitus als Nebenwirkung auslösen — u. a. bestimmte Antibiotika, NSAR in hoher Dosis, Schleifendiuretika, Chemotherapeutika.
Selten, aber wichtig: pulsierender Tinnitus
Akustikusneurinom (gutartiger Tumor am Hörnerv) und Gefäßanomalien (pulsierender Tinnitus) sind seltene, aber wichtige Differentialdiagnosen. Pulsierender Tinnitus (synchron mit dem Herzschlag) sollte immer abgeklärt werden.
3. Symptome und Belastung
Tinnitusformen
- Einseitig oder beidseitig
- Verschiedene Geräuschcharaktere: Piepen, Pfeifen, Rauschen, Summen, Klingeln, Zirpen
- Tonaler Tinnitus (einzelner Ton) oder rauschender Tinnitus
- Pulsierender Tinnitus (synchron mit dem Herzschlag) — sollte immer abgeklärt werden
Begleitbeschwerden
Belastung > Lautstärke
Die Leitlinie betont: Die Belastung durch Tinnitus hängt weniger von der Lautstärke des Geräuschs ab als vielmehr von der psychischen Verarbeitung und den begleitenden Komorbiditäten.¹
4. Diagnose
- HNO-ärztliche Untersuchung: Otoskopie (Ohrenspiegelung), Hörtest (Audiogramm). Ein Hörverlust wird bei chronischem Tinnitus in der Regel gefunden.
- Tinnitus-Fragebogen: standardisierte Fragebögen (z. B. Tinnitus-Fragebogen nach Göbel und Hiller, THI) erfassen den Schweregrad der Belastung und helfen bei der Therapieplanung.
- Tinnitus-Matching: Bestimmung der Tinnitus-Frequenz und -Lautstärke — kann für die Therapie hilfreich sein.
- Abklärung von Komorbiditäten: Depression, Angststörungen, Schlafstörungen, Kiefergelenkprobleme, Halswirbelsäulenprobleme.
- Bildgebung: in der Regel nur bei einseitigem Tinnitus (Ausschluss Akustikusneurinom) oder bei pulsierendem Tinnitus (Gefäßabklärung). Nicht routinemäßig notwendig.
Mehr: Arzttermin vorbereiten.