Überdosierung: Was jetzt zu tun ist — und was auf keinen Fall

Die Morgentablette versehentlich zweimal genommen, das Kleinkind am offenen Tablettenröhrchen, drei verschiedene Schmerzmittel mit demselben Wirkstoff — eine Überdosierung passiert meist aus Versehen und fast immer unter Stress. Entscheidend sind dann die ersten Minuten: die richtige Nummer wählen, die richtigen Angaben parat haben und keine gut gemeinten Hausmittel anwenden. Dieser Ratgeber zeigt dir Schritt für Schritt, wann du 112 rufst, wann der Giftnotruf die bessere Adresse ist und warum Erbrechen und Milch keine Gegenmittel sind.

Sofort 112 — nicht erst recherchieren. Ist die betroffene Person nicht richtig wach, atmet sie flach, langsam oder mühsam, krampft sie, klagt sie über Brustschmerzen oder starkes Herzrasen, ist sie auffällig verwirrt — oder wurden die Tabletten absichtlich eingenommen: Wähle sofort den Notruf 112. Bei Bewusstlosigkeit mit normaler Atmung bringst du die Person in die stabile Seitenlage, ohne normale Atmung beginnst du mit der Herzdruckmassage. Die Leitstelle leitet dich am Telefon an.

Nie wieder „Hab ich die schon genommen?"

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1. Die erste Entscheidung: 112 oder Giftnotruf?

Wer merkt, dass zu viel von einem Medikament im Spiel ist, stellt sich zuerst eine Frage: Wen rufe ich an? Die Antwort hängt nicht von der Tablettenzahl ab, sondern vom Zustand der betroffenen Person. Lebenswichtige Funktionen — Bewusstsein, Atmung, Kreislauf — haben immer Vorrang. Sind sie gestört, ist der Rettungsdienst zuständig. Sind sie (noch) unauffällig, hilft dir der Giftnotruf bei der Einschätzung, ob überhaupt etwas passieren muss.

Die Giftnotrufe sind die Giftinformationszentren der Länder; jedes Bundesland ist einem Zentrum zugeordnet, manche teilen sich eines. Dort beraten toxikologisch erfahrene Ärztinnen und Ärzte rund um die Uhr und entscheiden mit dir, ob Beobachten zu Hause reicht. Eine Übersicht mit Kontaktdaten veröffentlicht die Gesellschaft für Klinische Toxikologie.¹

SituationWen du anrufstWarum
Person ist nicht ansprechbar, sehr schläfrig oder kaum weckbar112Gefahr für Atemwege und Atmung — jede Minute zählt
Atemnot, langsame oder flache Atmung, bläuliche Lippen112Hinweis auf eine Atemdämpfung, etwa durch Opioide oder Beruhigungsmittel
Krampfanfall, Brustschmerz, Herzrasen, deutliche Verwirrtheit112Mögliche Beteiligung von Herz oder Nervensystem
Tabletten wurden absichtlich eingenommen112Auch wenn es der Person noch gut geht — Menge und Mischung sind oft unklar
Person ist wach und unauffällig, aber Menge oder Wirkstoff sind bedenklichGiftnotruf deines BundeslandesFachliche Einschätzung, ob Beobachtung reicht oder eine Klinik nötig ist
Kind hat Tabletten, Tropfen oder ein Pflaster erwischt, wirkt normalGiftnotruf — sofort, nicht abwartenBei Kindern können schon kleine Mengen gefährlich sein
Dauermedikament versehentlich doppelt genommen, keine BeschwerdenGiftnotruf; tagsüber auch Apotheke oder PraxisFür viele Wirkstoffe unkritisch, für einige nicht — der Wirkstoff entscheidet
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Im Zweifel gilt: Lieber einmal zu oft 112 als einmal zu spät. Leitstelle und Giftnotruf verweisen bei Bedarf aneinander.


2. Was du sofort tust — und was du lassen solltest

Bis Hilfe da ist oder bis du den Giftnotruf am Telefon hast, zählen wenige, einfache Handgriffe. Sie sind in allen seriösen Erste-Hilfe-Empfehlungen gleich:²

  • Ruhe bewahren und bleiben — die betroffene Person nicht allein lassen, beruhigen, beobachten. Wer schläfrig wird, soll nicht „erst mal ausschlafen".
  • Reste aus dem Mund entfernen — bei Kindern Tablettenreste mit dem Finger oder einem Tuch aus dem Mund holen. Nicht tief in den Rachen greifen.
  • Packungen sichern — Schachtel, Blister, Flasche, Beipackzettel, auch leere. Zähle, was fehlt. Die Packung ist die wichtigste Information für den Giftnotruf und später für die Klinik.
  • Uhrzeit notieren — wann wurde eingenommen, wann bemerkt? Viele Entscheidungen hängen davon ab, wie viel Zeit vergangen ist.
  • Pflaster abnehmen — wurde zu viel über ein Schmerzpflaster aufgenommen oder klebt ein zusätzliches, entferne es und falte es mit der Klebeseite zusammen.
  • Lagern nach Zustand — bewusstlos mit normaler Atmung: stabile Seitenlage. Keine normale Atmung: 112 und Herzdruckmassage.

Zum Trinken: Nach dem Verschlucken von Tabletten ist Trinken in aller Regel nicht nötig. Ist die Person wach und kann sicher schlucken, sind höchstens ein paar Schlucke Wasser oder Tee in Ordnung. Wer benommen ist, bekommt gar nichts zu trinken — es droht Verschlucken.

Diese „Hausmittel" schaden mehr, als sie helfen.
  • Kein Erbrechen auslösen — weder mit dem Finger noch mit Salzwasser. Erbrochenes kann in die Lunge gelangen, und Salzwasser kann selbst eine lebensgefährliche Salzvergiftung verursachen.²,³
  • Keine Milch — Milch ist kein Gegengift. Sie neutralisiert keine Medikamente und kann bei manchen Stoffen die Aufnahme sogar begünstigen.³
  • Keine Kohletabletten auf eigene Faust — medizinische Kohle kann in bestimmten Fällen sinnvoll sein, aber nur nach ausdrücklicher Empfehlung des Giftnotrufs oder des Rettungsdienstes.
  • Keine Internet-„Gegenmittel" und nicht selbst fahren — Öl, Kaffee oder Zitronensaft helfen nicht und verzögern echte Hilfe. Und wer zu viel genommen hat, steuert kein Auto, auch nicht „nur schnell ins Krankenhaus".

3. Der Anruf beim Giftnotruf: Diese Angaben brauchst du

Das Gespräch mit dem Giftinformationszentrum folgt einem festen Schema. Je genauer deine Angaben, desto sicherer die Einschätzung. Halte deshalb — wenn möglich — die Packung in der Hand, bevor du wählst. Diese Fragen wird man dir stellen:²

  • Wer? Alter, ungefähres Körpergewicht, bekannte Erkrankungen (Herz, Leber, Niere, Epilepsie), eine mögliche Schwangerschaft.
  • Was? Handelsname, Wirkstoff und Stärke in Milligramm — steht auf der Packung. Wichtig ist auch, ob es ein Retardpräparat ist (Zusatz „retard", „ret." oder „Depot").
  • Wie viel? Die maximal mögliche Menge. Zähle die fehlenden Tabletten oder schätze die Tropfenmenge über den Füllstand. Im Zweifel lieber die höhere Menge nennen.
  • Wann? Uhrzeit der Einnahme — oder der Zeitraum, in dem es passiert sein kann.
  • Wie? Geschluckt, zerkaut, als Pflaster, Zäpfchen, Spray oder Spritze — oder über mehrere Tage verteilt.
  • Welche Beschwerden? Übelkeit, Erbrechen, Schläfrigkeit, Unruhe, Zittern, Herzklopfen, Schwindel, Hautveränderungen — oder bisher gar nichts.
  • Was sonst? Dauermedikation, Alkohol, andere Substanzen, und was bereits unternommen wurde.
  • Wo und wie erreichbar? Ort und eine Rückrufnummer, falls das Gespräch abbricht.
Jetzt vorsorgen, nicht im Notfall suchen. Schlag die Nummer des Giftinformationszentrums für dein Bundesland heute nach — etwa in der Übersicht der Gesellschaft für Klinische Toxikologie oder in der kostenlosen App „Vergiftungsunfälle bei Kindern" des Bundesinstituts für Risikobewertung — und speichere sie als Kontakt „Giftnotruf" in deinem Handy. Leg deinen aktuellen Medikationsplan griffbereit dazu. Im Ernstfall suchst du dann nicht, sondern wählst.

Am Ende erfährst du, ob die Menge unbedenklich, beobachtungsbedürftig oder behandlungsbedürftig ist und worauf du in den nächsten Stunden achten sollst. Halte dich daran — auch wenn es dir übervorsichtig vorkommt.


4. Warum „noch keine Beschwerden" keine Entwarnung ist

Der vielleicht gefährlichste Satz nach einer Überdosierung lautet: „Mir geht's doch gut." Bei mehreren wichtigen Wirkstoffen treten die ernsten Folgen erst Stunden oder sogar Tage später auf — zu einem Zeitpunkt, an dem die wirksamste Behandlung schon verpasst sein kann.

Paracetamol: die stille Überdosis

Paracetamol ist das Paradebeispiel. Nach einer zu hohen Menge fühlen sich Betroffene am ersten Tag oft kaum krank — vielleicht etwas Übelkeit, Blässe, Schwitzen. Die Leberschädigung entwickelt sich erst im Verlauf der folgenden ein bis drei Tage. Gleichzeitig gibt es ein wirksames Gegenmittel, Acetylcystein als Infusion, das am besten wirkt, wenn es früh gegeben wird — idealerweise innerhalb der ersten Stunden.⁴ Wer abwartet, bis Beschwerden kommen, verschenkt genau dieses Zeitfenster. Bei Menschen, die regelmäßig Alkohol trinken, stark untergewichtig sind oder eine Lebererkrankung haben, kann schon eine geringere Überschreitung kritisch sein.

Retardpräparate: Wirkung mit Verzögerung

Tabletten mit verzögerter Freisetzung geben ihren Wirkstoff über viele Stunden ab. Nach einer Überdosis steigt der Spiegel deshalb langsam — und die Beschwerden beginnen spät. Das betrifft zum Beispiel retardierte Schmerzmittel, Blutdruckmittel und Antiepileptika.

Pflaster: Wirkstoff im Depot

Opioid-Schmerzpflaster bauen in der Haut ein Wirkstoffdepot auf, das nach dem Abziehen noch nachwirkt. Wärme — Heizdecke, Sauna, Fieber — kann die Aufnahme erhöhen, und ein vergessenes altes Pflaster verdoppelt unbemerkt die Dosis.

Mischungen verstärken sich

Viele Wirkstoffe, die einzeln harmlos dosiert sind, verstärken sich gegenseitig: Schlaf- und Beruhigungsmittel, Opioide, manche Antidepressiva, Antihistaminika — und Alkohol. Warum gerade diese Kombination so tückisch ist, erklärt der Ratgeber Medikamente und Alkohol.


5. Typische Alltagssituationen — und wie du sie einordnest

Die meisten Überdosierungen sind keine Dramen, sondern Alltagspannen. Entscheidend ist, sie richtig einzuordnen.

Dauermedikament versehentlich doppelt genommen

Morgens abgelenkt, Tablette genommen, eine halbe Stunde später noch einmal: Für viele Dauermedikamente ist eine einmalige doppelte Dosis unkritisch. Bei Wirkstoffen mit enger therapeutischer Breite — also einem kleinen Abstand zwischen wirksamer und schädlicher Menge — sieht das anders aus. Nimm die nächste reguläre Dosis nicht einfach weg und nimm auch nichts „zum Ausgleich", sondern kläre das Vorgehen mit dem Giftnotruf, der Apotheke oder der Praxis.

WirkstoffgruppeBeispieleMögliche Folge einer Überdosis
BlutverdünnerPhenprocoumon, direkte orale AntikoagulanzienErhöhte Blutungsneigung; beim Vitamin-K-Antagonisten ggf. Gerinnungskontrolle nach Rücksprache
BlutzuckersenkerInsulin, Glimepirid und andere SulfonylharnstoffeUnterzuckerung, teils verzögert und über viele Stunden
OpioideTramadol, Tilidin, OpioidpflasterSchläfrigkeit, Atemdämpfung, stecknadelkopfkleine Pupillen
Herz- und BlutdruckmittelBetablocker, Calciumkanalblocker, Digitalis-PräparateLangsamer Puls, starker Blutdruckabfall, Rhythmusstörungen
Trizyklische AntidepressivaAmitriptylinHerzrhythmusstörungen, Krampfanfälle, Bewusstseinstrübung
Methotrexat (wöchentliche Gabe)MethotrexatSchädigung von Blutbildung und Schleimhäuten bei täglicher statt wöchentlicher Einnahme
SchmerzmittelParacetamolLeberschädigung, anfangs oft ohne Beschwerden
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Die Tabelle ist keine vollständige Liste und ersetzt keine Einzelfallberatung. Ob und was zu tun ist, hängt von Wirkstoff, Menge, Körpergewicht und Vorerkrankungen ab — genau das beurteilt der Giftnotruf. Die umgekehrte Situation, eine vergessene Dosis, behandelt der Ratgeber Medikament vergessen — dort gilt ebenfalls: nicht einfach doppelt nachnehmen.

Der Schmerzmittel-Stapel

Eine Tablette gegen Kopfschmerzen, dazu ein Grippegetränk am Abend, nachts noch ein Kombipräparat — und schon hat man denselben Wirkstoff dreimal genommen, ohne es zu merken. Paracetamol steckt in vielen Erkältungs- und Kombimitteln, Ibuprofen gibt es unter zahlreichen Handelsnamen. Die Lösung: immer auf den Wirkstoff schauen, nicht auf den Markennamen. Warum dieselbe Substanz so viele Namen trägt, erklärt der Ratgeber Wirkstoff vs. Handelsname.

Methotrexat: einmal pro Woche, nicht jeden Tag

Bei Rheuma, Schuppenflechte oder chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen wird Methotrexat in niedriger Dosis einmal wöchentlich eingenommen. Wird es versehentlich täglich eingenommen, kann das lebensbedrohlich werden. Die Europäische Arzneimittel-Agentur hat deshalb 2019 zusätzliche Schutzmaßnahmen eingeführt, etwa deutlichere Hinweise auf der Packung und eine Patientenkarte.⁵ Wenn du merkst, dass Methotrexat an mehreren Tagen hintereinander genommen wurde, melde dich sofort in der Praxis oder beim Giftnotruf — auch ohne Beschwerden.

Tropfen, Säfte und Messlöffel

Esslöffel statt Messlöffel, Milliliter mit Milligramm verwechselt, die Pipette eines anderen Präparats: Nutze immer die beiliegende Dosierhilfe und bewahre sie beim jeweiligen Medikament auf. Mehr dazu unter Kinder und Medikamente.

Doppelte Wirkstoffe erkennen, bevor es passiert

Der Wechselwirkungs-Check in brite zeigt dir, wenn zwei Präparate denselben Wirkstoff enthalten.

Medikamente prüfen

6. Kinder: kleine Körper, kleine Mengen, großes Risiko

Kleinkinder erkunden die Welt mit dem Mund. Bunte Tabletten sehen aus wie Süßigkeiten, und eine Handtasche auf dem Sofa oder der Wochendosierer auf dem Küchentisch der Großeltern ist schnell erreicht. Medikamente gehören deshalb zu den häufigen Ursachen von Vergiftungsunfällen im Kindesalter.⁶

Das Tückische: Einige Wirkstoffgruppen können für ein Kleinkind schon in kleinen Mengen gefährlich werden — etwa bestimmte Antidepressiva, Opioide, manche Herz- und Blutdruckmittel, blutzuckersenkende Tabletten und Eisenpräparate. Auch ein gebrauchtes Schmerzpflaster enthält noch Wirkstoff; wird es in den Mund genommen oder aufgeklebt, kann das für ein Kind lebensbedrohlich sein.

  1. Reste aus dem Mund holen und das Kind nicht zum Erbrechen bringen.
  2. Packung sichern und zählen, was fehlt. Wie viel war vorher drin? Im Zweifel die höchste mögliche Menge annehmen.
  3. Giftnotruf anrufen — auch wenn das Kind völlig normal wirkt. Nenne Alter und Gewicht.
  4. Anweisungen genau befolgen und das Kind die nächsten Stunden nicht aus den Augen lassen, auch im Schlaf.
  5. In die Klinik — mit Packung, Beipackzettel und Kinder-Untersuchungsheft, wenn der Giftnotruf das empfiehlt.
Bei Kindern sofort 112: wenn das Kind ungewöhnlich schläfrig ist, torkelt, sich nicht wecken lässt, krampft, schwer oder auffällig langsam atmet oder blass und schlaff wird. Warte in diesen Fällen nicht auf den Rückruf des Giftnotrufs.

Vorbeugen ist hier fast alles: Medikamente gehören in einen abschließbaren Schrank oder mindestens außer Reich- und Sichtweite. Die kindergesicherte Verpackung nach jeder Entnahme wieder schließen, keine Tabletten lose in Dosen umfüllen, gebrauchte Pflaster mit der Klebeseite zusammenfalten und sicher entsorgen. Und Besuch bei den Großeltern heißt: deren Wochendosierer und Handtaschen im Blick behalten. Eine gute Ausgangsbasis ist die Hausapotheke-Checkliste, ergänzt um die Tipps aus Medikamente richtig lagern.


7. Ältere Menschen: die schleichende Überdosierung

Bei älteren Menschen entsteht eine Überdosierung oft nicht durch einen einzelnen Fehler, sondern langsam — bei gleichbleibender Tablettenzahl. Die Ursachen sind meist unspektakulär:

  • Nachlassende Nierenfunktion: Viele Wirkstoffe werden über die Niere ausgeschieden. Arbeitet sie schlechter, reichert sich der Wirkstoff an. Mehr dazu im Ratgeber Medikamente bei Nieren- und Leberschwäche.
  • Flüssigkeitsmangel: Wer bei Hitze, Durchfall oder Fieber zu wenig trinkt, belastet die Niere zusätzlich — manche Medikamente wirken dann plötzlich zu stark. Hintergründe im Ratgeber Medikamente und Hitze.
  • Doppelverordnungen und Präparatewechsel: Zwei Praxen verordnen denselben Wirkstoff unter zwei Namen, oder alte und neue Generika-Packung liegen nebeneinander und werden beide genommen.
  • Nahrungsergänzungsmittel: Hoch dosiertes Vitamin D über lange Zeit kann ebenfalls überdosiert werden, vor allem aus mehreren Präparaten.

Die Warnzeichen sind unspezifisch und werden leicht dem Alter zugeschrieben: Müdigkeit, Verwirrtheit, Stürze, Schwindel, Appetitlosigkeit, ein auffallend langsamer Puls. Treten sie neu auf, lohnt sich der Blick auf die Medikamente. Mehr dazu im Ratgeber Medikamente im Alter. Wer fünf oder mehr Dauermedikamente nimmt, kann außerdem eine Medikationsanalyse in der Apotheke nutzen, in der doppelte Wirkstoffe und ungünstige Dosierungen systematisch auffallen.


8. Wenn die Überdosis kein Versehen war

Manchmal ist die Überdosierung keine Panne, sondern Ausdruck einer seelischen Krise. Das kann auch Menschen betreffen, bei denen niemand damit gerechnet hat. Hier gilt ohne jede Ausnahme: Das ist immer ein Notfall — auch wenn es der Person im Moment noch gut geht. Menge und Mischung sind oft unklar, und manche Wirkstoffe entfalten ihre Wirkung erst Stunden später.

So handelst du bei absichtlicher Einnahme. Wähle sofort 112 und sag am Telefon offen, dass die Tabletten absichtlich genommen wurden. Bleib bei der Person, sprich ruhig und ohne Vorwürfe. Nimm alle erreichbaren Medikamente an dich und gib die Packungen dem Rettungsdienst mit. Wenn du selbst gerade an Suizid denkst: Ruf 112 an oder wende dich an die TelefonSeelsorge — rund um die Uhr, anonym und kostenfrei unter 0800 111 0 111, 0800 111 0 222 oder 116 123.⁷

Nach der akuten Behandlung folgt in der Regel eine psychiatrische oder psychotherapeutische Einschätzung. Für Angehörige ist diese Phase oft schwer auszuhalten. Hilfreich kann sein, gemeinsam mit der behandelnden Praxis zu überlegen, wie der Zugang zu größeren Medikamentenmengen vorübergehend begrenzt werden kann — etwa über kleinere Packungen oder eine Aufbewahrung durch Vertrauenspersonen. Hintergründe zu Warnzeichen und Behandlung findest du im Beitrag Depression.


9. Rettungsdienst und Klinik: Was dort passiert

Wer nach einer Überdosierung in die Notaufnahme kommt, wird zunächst stabilisiert und überwacht: Atmung, Puls, Blutdruck, Bewusstsein, bei vielen Wirkstoffen auch ein EKG. Je nach Wirkstoff folgen Blutuntersuchungen — bei Paracetamol wird zum Beispiel der Spiegel im Blut gemessen, um zu entscheiden, ob das Gegenmittel nötig ist.⁴

Welche Maßnahmen darüber hinaus sinnvoll sind, entscheidet das Behandlungsteam — oft in Rücksprache mit dem Giftinformationszentrum: etwa medizinische Kohle, wenn Zeitpunkt und Wirkstoff dafür sprechen, Gegenmittel (Antidote) wie Acetylcystein bei Paracetamol oder Naloxon bei Opioiden, eine Überwachung über Stunden bei Retardpräparaten und in seltenen, schweren Fällen eine Blutwäsche (Dialyse).

Du hilfst dem Team am meisten, wenn du mitbringst: alle Packungen und Blister, den aktuellen Medikationsplan, eine Liste der Vorerkrankungen und die notierten Uhrzeiten. Wer regelmäßig Medikamente nimmt, sollte diese Informationen ohnehin griffbereit haben — der Ratgeber Notfallausweis für Medikamente zeigt, wie das im Portemonnaie oder auf dem Handy gelingt.

Wer Opioide nimmt, kann vorsorgen. Für Menschen mit einem erhöhten Risiko einer Opioid-Überdosis kann ein Naloxon-Nasenspray als Notfallmedikament ärztlich verordnet werden. Ob das für dich oder deine Angehörigen sinnvoll ist, entscheidet die behandelnde Praxis — sprich es aktiv an, wenn du starke Opioide nimmst.

10. Vorbeugen: So wird aus einer Panne gar nicht erst ein Notfall

Die meisten versehentlichen Überdosierungen folgen wiederkehrenden Mustern — und lassen sich mit einfachen Routinen verhindern:

  • Ein aktueller Medikationsplan: Alle Medikamente, auch rezeptfreie und Nahrungsergänzungsmittel, an einem Ort — mit Wirkstoff, Stärke und Einnahmezeit. Wie das geht, zeigt der Ratgeber Medikationsplan erstellen.
  • Jede Einnahme festhalten: Das Abhaken verhindert die typische Doppeldosis aus der Frage „Hab ich die heute schon genommen?".
  • Wochendosierer mit System: Einmal pro Woche in Ruhe befüllen, idealerweise mit einem zweiten Blick durch eine andere Person.
  • Originalverpackung behalten: Keine Tabletten lose in Dosen oder Tüten umfüllen — ohne Packung weiß im Notfall niemand, was es war.
  • Auf den Wirkstoff achten: Vor jedem rezeptfreien Kauf in der Apotheke sagen, was du bereits nimmst.
  • Alte Reste aussortieren: Abgesetzte oder abgelaufene Medikamente nicht „für alle Fälle" aufheben. Wie du sie richtig entsorgst, weiß deine Apotheke.
  • Nummer speichern: Giftnotruf deines Bundeslandes im Handy, Medikationsplan griffbereit.

Kommen Einnahmefehler immer wieder vor — etwa bei beginnender Vergesslichkeit —, sprich das in Praxis oder Apotheke an. Manchmal lässt sich das Schema vereinfachen oder ein Pflegedienst übernimmt das Stellen; das entscheidet die behandelnde Praxis mit dir.

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Mit dem digitalen Medikationsplan in brite hast du im Notfall sofort parat, was der Giftnotruf wissen will.

Plan anlegen

11. So hilft brite dir, Überdosierungen zu vermeiden

Eine App ersetzt weder Giftnotruf noch Rettungsdienst — sie hilft dort, wo die meisten Einnahmefehler entstehen.

Einnahme-Erinnerung

Erinnert dich zur richtigen Zeit und hält fest, was du genommen hast — so beantwortet sich die Frage „Schon genommen oder nicht?" mit einem Blick.

Wechselwirkungs-Check

Weist auf doppelte Wirkstoffe und riskante Kombinationen hin — etwa, wenn ein Erkältungsmittel dasselbe Schmerzmittel enthält, das du schon nimmst.

Medikationsplan

Wirkstoff, Stärke, Einnahmerhythmus — alles, was der Giftnotruf fragt, auf einen Blick. Auch Angehörige finden sich darin zurecht.

Gesundheitsverlauf

Dokumentiert Beschwerden und Messwerte wie Blutzucker oder Puls — hilfreich, wenn nach einem Einnahmefehler über Stunden beobachtet werden soll.

FAQ: Häufige Fragen zur Überdosierung von Medikamenten

Nein. Erbrochenes kann in die Lunge gelangen, und Salzwasser zum Auslösen des Erbrechens kann selbst eine gefährliche Salzvergiftung verursachen. Entferne nur sichtbare Reste aus dem Mund, sichere die Packung und rufe den Giftnotruf oder bei Beschwerden den Notruf 112 an.
Nein. Milch neutralisiert keine Medikamente und kann bei manchen Stoffen die Aufnahme sogar begünstigen. Nach dem Verschlucken von Tabletten ist Trinken meist gar nicht nötig. Ist die Person wach und kann sicher schlucken, sind höchstens ein paar Schlucke Wasser oder Tee in Ordnung.
Das hängt vom Bundesland ab, denn die Giftinformationszentren sind regional organisiert. Eine aktuelle Übersicht veröffentlicht die Gesellschaft für Klinische Toxikologie, außerdem kannst du über die App Vergiftungsunfälle bei Kindern des Bundesinstituts für Risikobewertung direkt anrufen. Speichere die Nummer am besten jetzt in deinem Handy. Bei Bewusstseinsstörung, Atemnot oder Krampfanfall wählst du immer 112.
Für viele Dauermedikamente ist eine einmalige doppelte Dosis unkritisch, für einige aber nicht, zum Beispiel für Blutverdünner, Insulin und bestimmte Diabetes-Tabletten, Opioide, Herzmedikamente oder Methotrexat. Lass die nächste Dosis nicht eigenmächtig weg und nimm nichts zum Ausgleich. Kläre das Vorgehen mit dem Giftnotruf, der Apotheke oder deiner Praxis.
Weil die Leberschädigung erst im Verlauf von ein bis drei Tagen sichtbar wird, während man sich anfangs kaum krank fühlt. Das Gegenmittel Acetylcystein wirkt am besten, wenn es früh gegeben wird. Wer abwartet, bis Beschwerden auftreten, verpasst dieses Zeitfenster. Deshalb gilt: Bei Verdacht sofort den Giftnotruf anrufen, auch ohne Symptome.
Ja, und zwar sofort. Einige Wirkstoffe können für Kleinkinder schon in kleinen Mengen gefährlich sein, und die Beschwerden beginnen oft verzögert. Hol Reste aus dem Mund, sichere die Packung, zähle, was fehlt, und rufe den Giftnotruf an. Wird das Kind schläfrig, krampft oder atmet schlecht, wähle 112.

Quellen

  1. Gesellschaft für Klinische Toxikologie (GfKT): Giftinformationszentren in Deutschland, Österreich und der Schweiz — Übersicht und Kontakte. Abgerufen 2026. klinitox.de
  2. Stiftung Gesundheitswissen: Erste Hilfe bei Vergiftungen — was tun, was vermeiden, welche Angaben für den Giftnotruf. Abgerufen 2026. stiftung-gesundheitswissen.de
  3. kindergesundheit-info.de (Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit, vormals BZgA): Im Vergiftungsfall handeln. Abgerufen 2026. kindergesundheit-info.de
  4. MSD Manual, Ausgabe für Patienten: Paracetamol-Vergiftung. Abgerufen 2026. msdmanuals.com
  5. Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA), 2019: Neue Maßnahmen zur Vermeidung von Dosierungsfehlern mit Methotrexat bei entzündlichen Erkrankungen; Umsetzung und Informationen über das BfArM. bfarm.de
  6. Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): Kinder vor Vergiftungen schützen; App „Vergiftungsunfälle bei Kindern". Abgerufen 2026. bfr.bund.de
  7. TelefonSeelsorge Deutschland: Beratung rund um die Uhr, anonym und kostenfrei. Abgerufen 2026. telefonseelsorge.de

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Medizinischer Haftungsausschluss: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche oder apothekerliche Beratung und keine Einzelfallbeurteilung durch ein Giftinformationszentrum. Bei Bewusstseinsstörung, Atemproblemen, Krampfanfällen, Brustschmerzen oder absichtlicher Einnahme wähle sofort den Notruf 112; in allen anderen Verdachtsfällen hilft der Giftnotruf deines Bundeslandes. Letzte Aktualisierung: September 2026.