Neurodermitis:
Symptome, Trigger & moderne Behandlung
Auf einen Blick
Betroffene in DE
Mehrere Millionen; Kinder deutlich häufiger betroffen als Erwachsene
Andere Namen
Atopische Dermatitis, atopisches Ekzem
Atopische Trias
Neurodermitis, Asthma und Heuschnupfen — treten häufig gemeinsam auf
Verlauf
Chronisch-schubweise; bei vielen Kindern Besserung bis zur Pubertät
Medikamente (Auswahl)
Cortisonsalben, Calcineurininhibitoren, Dupilumab, Tralokinumab, Lebrikizumab, JAK-Hemmer
ICD-10
L20
1. Was ist Neurodermitis?
Neurodermitis (auch atopische Dermatitis oder atopisches Ekzem genannt) ist eine chronisch-entzündliche Hauterkrankung. Sie gehört zur Gruppe der atopischen Erkrankungen — zusammen mit Asthma und Heuschnupfen (sogenannte atopische Trias). Ein Teil der Betroffenen hat gleichzeitig eine allergische Komponente.
Typisch ist eine extrem trockene, juckende Haut mit entzündlichen Hautveränderungen, die in der Regel in Schüben auftreten. Der oft quälende Juckreiz gilt als Leitsymptom und wird von vielen Betroffenen als größte Belastung empfunden.¹˒³
In Deutschland sind schätzungsweise mehrere Millionen Menschen betroffen — Kinder deutlich häufiger als Erwachsene. Bei vielen Kindern bessert sich die Erkrankung bis zur Pubertät deutlich.¹˒⁴
Wichtig: Neurodermitis ist NICHT ansteckend
Die Erkrankung hat eine deutliche genetische Komponente — Betroffene werden mit der Veranlagung geboren. Kein Hautkontakt, kein Handtuch und keine Luft überträgt Neurodermitis.
2. Symptome und Verteilung nach Alter
Leitsymptom: Juckreiz
Ein intensiver Juckreiz ist das Hauptsymptom und häufig die größte Belastung. Er ist oft nachts und in Schüben besonders ausgeprägt — und kann zu Schlafstörungen, Erschöpfung, Konzentrationsproblemen und psychischer Belastung führen. Kratzen kann die Haut zusätzlich schädigen und den typischen Teufelskreis weiter antreiben.
Hautveränderungen
- Eine allgemein trockene Haut (Xerosis) — in der Regel auch außerhalb der Entzündungsherde
- Rötung, Schwellung und Nässen in akuten Schüben
- Schuppung, Verdickung und Vergröberung der Haut (Lichenifikation) bei chronischem Verlauf
- Kratzspuren, Krustenbildung und gelegentlich sekundäre Hautinfektionen
Verteilung nach Alter — typisch und diagnostisch wichtig
Säuglinge
Ab dem 3. Lebensmonat — Gesicht und Streckseiten
Typisch sind der sogenannte Milchschorf am Kopf sowie Wangen und Stirn; häufig auch die Streckseiten von Armen und Beinen. Der Windelbereich bleibt in der Regel frei.
Kinder 2–12
Beugenekzem — Ellenbeugen, Kniekehlen
Häufig sind Ellenbeugen, Kniekehlen (sogenanntes Beugenekzem), Handgelenke, Nacken und Fußrücken betroffen.
Jugendliche & Erwachsene
Hände, Gesicht, Hals — häufig Lichenifikation
Oft im Bereich der Hände (ein Handekzem kann berufsrelevant sein), aber auch im Gesicht, am Hals, Nacken und Dekolleté. Augenlider und Lippen sind nicht selten mitbetroffen. Lichenifikationen (lederartige Hautverdickungen) sind in dieser Altersgruppe häufiger.
Sonderform: Kopf-Hals-Ekzem
Eine Form bei Erwachsenen mit Sensibilisierung gegenüber Malassezia-Hefepilzen. Betrifft häufig Kopfhaut, Gesicht und Hals — kann in manchen Fällen auf eine antimykotische Therapie ansprechen.
3. Ursachen, Trigger und der Teufelskreis
Genetische Grundlage
- Ein Großteil der Betroffenen hat Verwandte mit atopischen Erkrankungen (Neurodermitis, Asthma, Heuschnupfen)
- Bei einem relevanten Anteil der Betroffenen finden sich Veränderungen im Filaggrin-Gen, das für ein wichtiges Hautbarriere-Protein verantwortlich ist — die Folge kann eine gestörte Hautbarriere sein, über die Reizstoffe und Allergene leichter eindringen
- Das Immunsystem reagiert typischerweise überschießend (Th2-Antwort) — mit einer vermehrten Ausschüttung von Botenstoffen wie IL-4, IL-13 und IL-31. An diesen Zielstrukturen setzen moderne Biologika an¹
Typische Trigger
- Reizstoffe: Wolle, raue synthetische Stoffe, aggressive Seifen oder Waschmittel, Parfüm, Desinfektionsmittel
- Klima: Kälte und trockene Heizungsluft im Winter, Schwitzen im Sommer, schnelle Temperaturwechsel
- Allergene: z. B. Hausstaubmilben, Pollen, Tierepithelien, Schimmelpilze
- Nahrungsmittel: Bei Säuglingen und Kleinkindern in Einzelfällen relevant (z. B. Kuhmilch, Hühnerei); bei Erwachsenen seltener
- Bakterien: Haut häufig stark mit Staphylococcus aureus besiedelt — kann Entzündung und Juckreiz verstärken
- Stress und psychische Belastung — einer der häufigsten Trigger für Schübe
- Infektionen: Auch banale Infekte können Schübe auslösen
Notfall: Eczema herpeticatum
Eine Infektion mit Herpes-simplex-Viren auf bereits betroffener Haut ist ein medizinischer Notfall. Bei plötzlich auftretenden schmerzhaften, bläschenartigen Hautveränderungen mit Fieber sofort ärztliche Hilfe aufsuchen.
Der Teufelskreis
Gestörte Hautbarriere → Reizstoffe dringen ein → Immunsystem reagiert überschießend → Entzündung → Juckreiz → Kratzen → Hautbarriere wird weiter geschädigt → von vorn. Die Therapie muss in der Regel an mehreren Stellen ansetzen.
4. Diagnose
Die Diagnose wird in der Regel klinisch gestellt — es gibt keinen einzelnen Labortest, der eine Neurodermitis eindeutig beweist.¹
- Klinische Diagnose: Ausgeprägter Juckreiz, altersabhängige Verteilung, chronisch-schubweiser Verlauf, atopische Eigen- oder Familienanamnese. Ergänzend: generell trockene Haut, erhöhter IgE-Spiegel.
- Schweregrad-Einschätzung: Standardisierte Scores (z. B. SCORAD oder EASI) beurteilen Ausbreitung und Intensität — wichtig für die Wahl der Therapiestufe.
- Trigger-Diagnostik: Allergietests (Prick-Test oder spezifisches IgE im Blut) nur bei konkretem klinischem Verdacht — pauschale Screening-Tests ohne Verdacht sind meistens nicht sinnvoll.¹
Mehr: Arzttermin vorbereiten.
5. Basistherapie: Hautpflege — das Fundament
Eine konsequente tägliche Hautpflege ist in der Regel die Grundlage jeder Neurodermitis-Behandlung — auch in schubfreien Phasen. Ohne eine gute Basispflege wirken meistens auch Medikamente schlechter. Ziel ist es, die gestörte Hautbarriere zu unterstützen und die Haut ausreichend mit Feuchtigkeit zu versorgen.¹˒³
- In der Regel zweimal täglich eincremen — am ganzen Körper, nicht nur an den betroffenen Stellen. Rückfettende, parfümfreie Basispflege empfohlen.
- Im Winter häufig fettreichere Pflege (z. B. Wasser-in-Öl-Emulsion), im Sommer leichtere, wasserhaltigere Cremes.
- Parfüm, Duftstoffe, bestimmte Konservierungsstoffe und ätherische Öle möglichst meiden.
- Urea (Harnstoff) kann Feuchtigkeit binden — bei akuten Schüben aber unter Umständen brennen. Alternativen: Glycerin- oder ceramidhaltige Produkte.
- Baden und Duschen kurz halten, lauwarm statt heiß. Rückfettende Waschlotionen meist besser verträglich als klassische Seifen.
- Nach dem Baden zeitnah eincremen — die Aufnahme der Pflege ist dann in der Regel am besten.
Häufiger Fehler: zu sparsam cremen
In der Regel darf die Menge großzügig bemessen sein. Zu wenig Pflege ist deutlich häufiger ein Problem als zu viel.